Gabriele Faber-Wiener ist Gründerin des Center Responsible Management in Wien. Sie lehrt, publiziert und berät zu den Themen Nachhaltigkeit, Ethik und Verantwortung in Management und Kommunikation. Ihre These: Wenn wir die Wirtschaft nach dem Shut Down synergetisch mit Umweltmaßnahmen nutzen, dann gewinnen wir doppelt: an Wohlstand und Lebensqualität. Aber nur wenn wir alte Denkmuster verlassen und unsere Haltung überdenken.

Ein „degrowth“ der Wirtschaft ist ein von Umweltorganisationen bereits manches Mal herbei gesehnter Zustand, nämlich eine Wirtschaftsweise, die auf Entschleunigung setzt. Jetzt haben wir einen aufgezwungenen degrowth – mit fatalen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Konsum. Was ist nun Ihr Zugang für einen harmonisierten Neubeginn?

Die Einschnitte durch die Corona-Pandemie sind nur bedingt mit einem geplanten „degrowth“ vergleichbar. Noch sind wir im Ausnahmezustand, der für viele einer Schockstarre gleichkommt. Aber immer öfter werden auch Fragen laut. Eine davon ist die Verletzlichkeit unseres Wirtschaftssystems. Wir haben uns in vielen Bereichen in Extreme und Abhängigkeiten begeben – denken wir an unser eigenes Konsumverhalten, an Produkte, die nicht mehr repariert werden, an die globalen Wertschöpfungsketten. Es muss zu denken geben, wenn wir in Europa keine eigenen Medikamente mehr herstellen, sondern in allem und jedem auf Produkte aus Asien angewiesen sind.

Die letzten 20 Jahre waren geprägt von der Maxime „Höher, Schneller, Stärker“, sowohl was unsere Wirtschaft als auch unsere Gesellschaft betrifft. Unsere Basis war der Homo Oeconomicus, dessen Ziel der reine Eigennutz ist. Die Schwäche dieses Denkens ist von heute auf morgen offensichtlich geworden.

Klar ist: Es kann jetzt nicht darum gehen, das Rad auf Vor-Corona zurückzudrehen, die alte Normalität wiederherzustellen – aus mehreren Gründen: Denn „normal“ war ja bereits eine Krise: Normal war Ungleichheit, die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich. Normal war Unterdrückung in vielen Ländern der Welt, normal war Klimakatastrophe. Normal war eine Wirtschaft, die auf fossilen Energien aufbaut und weite Zerstörung verursacht hat.

In die alte Normalität zurückfallen ist also eindeutig keine Option. Es geht um einen besseren Aufbau, und zwar besser für alle. Das sieht auch EU-Klimakommissar Frans Timmermans so: „Statt verzweifelt zu versuchen, zum Zustand vor der Corona-Krise zurückzukehren, sollte unser Ziel eine andere, bessere Wirtschaft sein“.

Wo sehen Sie die Chancen für eine sofortige Umsetzung von Maßnahmen, die dem Klima gleichermaßen wie der Wirtschaft helfen?

Grundsätzlich muss man vorsichtig sein, wenn man davon spricht, dass Krisen auch Chancen bergen – das kann schnell als Zynismus interpretiert werden. Aber natürlich bringt uns Corona an einen entscheidenden Wendepunkt: Wir können jetzt entweder in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung drei Stufen zurück fallen – oder wir machen einen großen Sprung nach vorn. Dies geht aber nur, wenn der Wiederaufbau ganz eng mit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit verknüpft wird.

Darum brauchen wir eine proaktive, vernunftbasierte Wirtschaftspolitik, die von Beginn an die Zukunft mitdenkt und nicht nur den Wiederaufbau auf prä-Corona Niveau. Zum Beispiel bei der Soforthilfe für Unternehmen: Hier sind klare Vorgaben und ein klares Bekenntnis der unterstützten Unternehmen zum Prinzip der Nachhaltigkeit das Minimum an Anforderungen, die zu erfüllen sind. Beim Wiederaufbau sind konkrete Konzepte für eine nachhaltige, zukunftsfähige und strikt klimaneutrale Wirtschaft gefragt, inklusive Nutzung der Hebel Public Procurement und anderer Incentivierungsmaßnahmen.

Das heißt: Mehr als nur das Festhalten am Ziel der Klimaneutralität bis 2040, wie im Regierungsübereinkommen festgeschrieben, sondern echte Transformation beim Wiederaufbau der Wirtschaft, u.a. mit einer raschen Ökologisierung des Geld- und Steuersystems. Dies ist kein Widerspruch zur Prosperität – im Gegenteil.

Die Voraussetzungen dafür sind so gut wie nie zuvor: Erstens war Österreich lange Zeit tonangebend in Ökologie und Umweltbewusstsein und ist dabei seit jeher seinen eigenen Weg gegangen. Zweitens hat unsere Regierung in der Corona-Krise Haltung gezeigt und internationales Ansehen aufgebaut. Und drittens gibt es eine Koalition, die clever Verantwortungsbewusstsein und Wirtschaftskompetenz kombiniert.

Wie muss man an klassischen Rollenbildern und am Grundverhalten beider Seiten arbeiten, jenem der „old economy“ – aber genau so auch am Verständnis der Umweltstellen und ökologischen Akteure?

Die österreichische Wirtschaft ist im Grunde genommen alles andere als „old economy“. Wir haben viele KMU, oft sehr wertorientierte Unternehmen, die eine aktive, zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik wollen und brauchen.

Ich habe kurz vor Beginn der Corona-Krise an einer Studie mitgewirkt, die die Zukunftsfähigkeit österreichischer nachhaltiger Unternehmen analysiert hat. Das Ergebnis: Es gab eine klare Korrelation zwischen Nachhaltigkeit, Optimismus und Resilienz, Das heißt: Nachhaltige Unternehmen sind gleichzeitig optimistischer und widerstandsfähiger. Viele Unternehmen beweisen dies gerade in der Krise: Auch wenn sie schwer betroffen sind, nutzen sie die Zeit, um Neues anzugehen: neue Produkte, neue Vertriebskanäle, neues digitales Denken. Und: sich nicht unterkriegen lassen.

Wesentliche Basis dafür: Wir müssen es schaffen, nicht in Entweder-oder zu denken. Wir dürfen Wirtschaft und Nachhaltigkeit nicht als zwei Welten betrachten, frei nach der Devise „Zuerst das Fressen, dann die Nachhaltigkeit“, in Abwandlung nach Bert Brecht. Wir müssen Nachhaltigkeit als Grundhaltung sehen, nach der sich jedes Unternehmen und jede politische Institution zu richten hat.

Beim Blick in die Geschichte zeigt sich, dass Wertewandel immer mit einem ökonomischen Paradigmenwechsel einher ging. Genau da stehen wir jetzt: Am Beginn eines wirtschaftlichen Paradigmenwechsels, der durch Corona ordentlich an Fahrt aufnehmen könnte. Damit könnten wir das schaffen, was wir uns alle wünschen: Eine resiliente Gesellschaft, die gestärkt aus der Krise hervorgeht. Und eine Wirtschaft, die zwar langsamer wächst oder sogar stagniert, aber bei der gleichzeitig die Sinnfrage im Mittelpunkt steht, bei der es um Problemlösungen und achtsamen Umgang miteinander geht. Und um ein anderes Konsumverhalten, mit kürzeren, regionaleren Lieferketten, weg von Wegwerf- und Massenkonsum, hin zu einer Kreislaufwirtschaft.

Das heißt: Wir gehen auf ein anderes Miteinander zu – und wir sind enger miteinander verbunden als je zuvor.

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