Die Österreichische Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft (ÖVG) arbeitet als Verein aktiv an Gestaltung und Verbesserungen im Verkehrsgeschehen mit. Wir haben mit der Jungen ÖVG über Neue Mobilität, Ökologisierung sowie große Herausforderungen im Verkehrsbereich gesprochen.

Vor welchen Herausforderungen steht man im österreichischen Verkehrsbereich?

Die Herausforderungen könnten nicht viel größer sein. Einerseits tendieren Menschen im Mobilitätsverhalten (schnellere, längere Reisen) aber auch im Konsumverhalten dazu, immer mehr Verkehr zu erzeugen.
Auf der anderen Seite ist der Verkehrssektor bezüglich der Treibhausgasemissionen ein massives Sorgenkind in Österreich, Europa sowie auch global gesehen. Diese beiden Aspekte unter einen Hut zu bringen ist eine massive Herausforderung – noch dazu mit dem enormen Zeitdruck. Infrastrukturmaßnahmen, die ihre Wirksamkeit erst in Jahren oder Jahrzehnten haben, müssen schleunigst auf den Weg geschickt werden, damit die Chance besteht etwaige vereinbarte Klimaziele überhaupt noch erreichen zu können. Aus unserer Sicht liegen die relevanten Fakten der Klimakrise und die notwendigen Maßnahmen im Verkehr seit Jahren auf dem Tisch. Die vereinbarten Klimaziele wurden politisch lautstark verkündet, an der Umsetzung mangelt es bisher. Natürlich sind wir uns bewusst, dass dies enorme Anstrengungen und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringt, dennoch müssen den Worten nun auch Taten folgen. Die Klimaveränderung wird enorme Auswirkungen auf unser Sozial- und Wirtschaftssystem haben und somit die Lebensqualität und Wohlstand Österreichs langfristig gefährden.

Wie sieht die Mobilität von Morgen aus?

CO2 neutral und menschengerecht.

Welche Rolle nimmt der ÖPNV in der Mobilität von Morgen ein?

Gerade in Ballungsräumen, die aufgrund des Zuzugs immer mehr Menschen aufnehmen werden, wird der energieaufwändige Individualverkehr zusehends verdrängt, egal ob autonom fahrend oder handgelenkt. Der ÖPNV ist die Lösung für weitere Wege, im Nahbereich werden Fußgeher- und Radverkehr dominieren. Wichtig ist uns hierbei, dass die Verkehrsträger des Umweltverbundes nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dort, wo viele Menschen über weite Strecken befördert werden müssen, ist der ÖPNV aufgrund der Geschwindigkeit, der Flächen- und Energieeffizienz das Mittel der Wahl. Die „Lebensadern der Städte“ trifft es gut. Hier gilt es, mutige Entscheidungen zu treffen, um die Stärken dieser Lebensadern vollkommen ausspielen zu können. Es wurden viel zu oft wichtige ÖPNV-Projekte aufgeschoben oder verhindert, um den Individualverkehr nicht zu beeinflussen. Zwar ist ein zaghaftes Umdenken hin zum Gesamtoptimum für die Gesellschaft erkennbar, dieses muss aber massiv beschleunigt werden. Eine Herausforderung dabei ist sicherlich die erste und letzte Meile, wo Sharing-Systeme und On-Demand-Verkehre eine Lösung bieten. Und dort wo Menschen tagtäglich über weite Strecken zum Arbeiten in einen Ballungsraum pendeln, muss man sich die Frage stellen, wie man diesen Menschen ermöglicht, nahe ihres Wohnortes zu arbeiten. Verkehrsvermeidung ist noch vor der Verlagerung auf den Umweltverbund der größte ökologische Beitrag. Nicht zu vergessen der zuvor angesprochene Güterverkehr der auch in den Städten – sagen wir’s vorsichtig – effizienter organisiert werden könnte.

Stichwort: “Mobilität neu denken” – Wie kann neue Mobilität aussehen, was ist “neue Mobilität” für Euch?

Die Anzahl der Wege, die ein Mensch täglich zurücklegt, und die dafür aufgewendete Zeit sind seit Jahrzehnten nahezu konstant. Wir müssen die Mobilität nicht neu erfinden, viel eher ist es die Rückkehr zu bewährten Dingen. Unter „neuer Mobilität“ sehen wir die Förderung der sanften Mobilität. Auch, wenn der ÖPNV um ein vielfaches effizienter und ökologischer ist als der Individualverkehr, am effizientesten ist natürlich das Zufußgehen! Eine hohe Quote an FußgängerInnen und RadfahrerInnen ist in einer Gesellschaft aus zahlreichen Gründen erstrebenswert. Auch hier wird es an den multimodalen Knotenpunkten liegen, den Umstieg vom bzw. zum ÖPNV komfortabel zu ermöglichen.

Die Herausforderungen und Chancen sind vielseitig – was würdet Ihr Euch von der Politik wünschen?

Wie bereits angesprochen, wünschen wir uns vor allem Taten und die schnell! Im Verkehr gibt es zwar einzelne Initiativen, der Sektor insgesamt bewegt sich noch kaum.
Einerseits gilt es, massive Investitionen in den Umweltverbund zu initiieren, obwohl die Eröffnungsbänder erst von den Nach-NachfolgerInnen durchgeschnitten werden. Andererseits sind Investitionen in Infrastruktur, die einen klimaschädlichen Betrieb nach sich ziehen, strikt einzustellen. Da haben wir leider aktuell noch unzählige Projekte. Das Thema Verkehr und Klimaschutz muss umfassend bzw. themenübergreifend betrachtet werden. Die neuen Technologien in der Verkehrsbranche sollten als Chance gesehen werden, das Technologie-Land Österreich in diesem Bereich mit dem entsprechenden Know-How strategisch zu positionieren. Der gesamtheitliche Zugang zur Verkehrsplanung muss vorangetrieben werden. Das betrifft auch eine enge(re) Verknüpfung zwischen Raum- und Verkehrsplanung. Hier wurden in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, diese gilt es zu vermeiden bzw. auszumerzen, wo möglich. Und das Thema Kostenwahrheit in der Mobilität darf nicht weiter nur ein Schlagwort sein.

Sogenannte „Quick Wins“ wie etwa die flächendeckende Tempobeschränkung auf Autobahnen gilt es aufgrund der prekären Situation schnellstmöglich umzusetzen. Das bringt viel, schadet objektiv kaum jemandem und ist vor allem schnell und nahezu kostenlos umzusetzen. Gerade weil solche Maßnahmen auf den ersten Blick unpopulär erscheinen mögen – braucht es mutige und zukunftsgerichtete Akteure sowohl in der Politik als auch in der gesamten Branche.
Die Verkehrspolitik der nächsten Jahre benötigt eine klare Vision und mutige Entscheidungen! Gerade im Verkehr ist das schwierig – was für das Individuum das Optimale ist, ist für das Gesamtsystem oft nicht ideal.

Nun würden wir uns noch freuen, wenn Ihr Eure persönliche Vision skizzieren könnten: Wie sieht die Mobilität im Jahr 2050 aus?

Unser Anspruch einer CO2 neutralen und menschengerechten Mobilität ist mittlerweile erfüllt und die Kostenwahrheit im Verkehr hergestellt. Eine tiefgreifende Reform der Raumplanung trägt erste Früchte, wodurch das Verkehrsaufkommen sinkt. Der Umweltverbund bildet das Rückgrat der Mobilität in Österreich, sowohl in den Städten als auch im ländlichen Bereich. Der notwendige Güterverkehr muss möglichst energieeffizient und klimafreundlich abgewickelt werden, um wirtschaftlich zu sein und wird deshalb vor allem über die Schiene transportiert. Und am Flughafen Schwechat wird mangels Auslastung der Rückbau der zweiten Piste diskutiert.

Zum Abschluss würde uns noch interessieren, welche Rolle die ÖVG, speziell die Junge ÖVG, in der österreichischen Verkehrswelt einnimmt oder einnehmen kann?

Die ÖVG bietet im Verkehr allen wesentlichen Akteuren aus Wissenschaft aber auch Wirtschaft und öffentlicher Hand ein Dach, in dem – ohne Polemik – der fachliche Diskurs und Austausch ermöglicht wird. Man kann viel voneinander lernen. Die ÖVG hat aber auch eine große Verantwortung. Gerade gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik sind verkehrspolitische Entwicklungen und Zielsetzungen sachlich aber kritisch zu diskutieren und Lösungsvorschläge anzubieten.

Gerade da liegt auch die Aufgabe der Jungen ÖVG – Einerseits dem Blickwinkel der Jugend der Branche Gehör zu verschaffen, andererseits jungen Menschen einen Einblick und einen Start in die Branche zu ermöglichen. In diesem Sinne dürfen wir auch alle herzlich einladen, sich in die Diskussion der Jungen ÖVG und bei unseren Veranstaltungen wie dem Karrieretag und den Stammtischrunden mit hochrangigen Persönlichkeiten der Verkehrsbranche, miteinzubringen.

Florian Polterauer, Florian Pototschnig, Matthias Landgraf, Johannes Kehrer

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