Die Bauwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten Konjunkturmotoren in Österreich entwickelt, unter anderem weil an ihr viele weitere Branchen hängen. Die aktuelle Coronakrise lässt diesen Motor zwar stottern, dennoch kam der Bau deutlich besser als andere Wirtschaftszweige durch die Einschränkungen der Pandemie.

Vor allem der Wohnbau läuft weiterhin auf sehr hohem Niveau und zieht aktuell die Aufmerksamkeit zahlreicher internationaler Investmenthäuser auf sich, die in der Bundeshauptstadt ein Wohnprojekt nach dem anderen kaufen. Richtig umgesetzt kann die Errichtung von Gebäuden nicht nur die Weichen für eine raschere Wirtschaftserholung vor- und nachgelagerter Branchen stellen, sondern nach wie vor als einer der größten Hebel zur Erreichung der Klimaziele wirken.

Der Wohnbau in Österreich erfährt durch die Coronakrise zwar einen geringen Rückgang, von einem langfristigen Einbruch gehen Experten aber nicht aus. Laut Wirtschaftskammer sei über das ganze Jahr 2020 hinweg bei den Baubewilligungen ein Rückgang von 20 Prozent zu erwarten.

Das Vorkrisenniveau war beachtlich: 2019 wurden österreichweit rund 79.000 Wohneinheiten baubewilligt. Dabei kommt der Bauwirtschaft eine Schlüsselrolle in der Klimadebatte zu: „Etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs in der EU entfallen auf die Baubranche. Ebenso etwa 50 Prozent aller Transporte, 35 Prozent aller Abfälle und 30 Prozent der CO2-Emissionen. Die Art und Weise, wie wir heute bauen, hat einen wesentlichen Einfluss auf unsere ressourcenmäßige und ökologische Zukunft“, ist Wolfgang Kradischnig, Geschäftsführer des Architekturbüros Delta Podsedensek Architekten ZT, überzeugt. Im nachhaltigen Bau sieht er den Schlüssel. Daher wurde durch die Delta Gruppe bereits im Jahr 2011 die Interessensgemeinschaft Lebenszyklus Bau mitbegründet und seitdem gemeinsam mit vielen anderen Branchenpartnern kontinuierlich ausgebaut. „Mit verschiedenen Leitfäden setzen wir eine Benchmark und haben uns zum Ziel gesetzt, in der Immobilienbranche bei öffentlichen und privaten Bauherren mehr Bewusstsein für den Lebenszyklus zu schaffen – weg vom fokussierten Blick auf die Errichtung“, führt er weiter aus.

Mobilität ganzheitlich denken

„Es ist nicht allzu lange her, dass Mobilität im Zusammenhang mit Gebäudeentwicklung lediglich durch das ausreichende Schaffen von Stellplätzen Berücksichtigung fand. Mittlerweile hat sich das Mobilitätsverhalten geändert – vor allem bei der jüngeren Bevölkerung. Die Verfügbarkeit von Fahrradabstellplätzen und ein Mobilitätsangebot in der Nähe sind in den Fokus der Bewohner gerückt“, so Rudolf Stürzlinger, Geschäftsführer der Delta Podsedensek Architekten ZT GmbH.

Um den sich verändernden Klimabedingungen auch im sozialen Wohnbau gerecht zu werden, braucht es intelligente und leistbare Energiekonzepte. Die sommerliche Überhitzung spielt eine sehr große Rolle in der Gesamtkonzeption eines Gebäudes. Die Kombination aus verschiedenen Maßnahmen führen zu einem behaglichen Raumklima im Sommer.

Wer klimaneutral bauen will, baut dort, wo Bewohner auf das Auto verzichten können. Beispielsweise ist das Bauen auf der grünen Wiese deutlich weniger nachhaltig als ein Projekt im Zentrum, selbst wenn der Neubau in Passivhausqualität errichtet wird“, führt der Wohnbau-Experte weiter aus. Schließlich werde die Zersiedelung forciert, dazu kämen der Aufwand für die Bereitstellung von Infrastruktur und ein deutlich höherer Aufwand in puncto Mobilität.

Energieeffizienz im Vorfeld planen

Energieeffizientes Bauen mit erneuerbarer Primärenergieversorgung bedeutet auf lange Sicht ökologisches und leistbares Wohnen. Ambitionierte Energiestandards im Neubau sind eine Investition und vermeiden Kosten in der Zukunft. Mittlerweile widerlegen mehrere Studien das Vorurteil, dass energieeffizientes Bauen teuer sei.

Die geringen Mehrkosten bei der Errichtung werden im Lebenszyklus durch die reduzierten Energiekosten mehr als ausgeglichen. Kradischnig zufolge zählt, wo die Energie herkommt: „Wir brauchen immer mehr Kälte, Wärme und Strom. Diese müssen wir aus erneuerbaren Quellen herstellen und die Gebäude von fossiler Energie und CO2-Emissionen entkoppeln. Dazu gehört, dass erneuerbare Energien nicht nur mit großem technischem Aufwand im Nachhinein aufgesetzt, sondern schon als Teil des Niedrig- oder Plusenergiegebäudes geplant werden.“ Das beginnt bereits bei der Ausrichtung des Gebäudes, um sowohl aktiv als auch passiv möglichst viel Solarenergie nutzen zu können.

„Selbst im geförderten Bereich des Wohnbaus wird das Thema Energie immer wichtiger. Bei großvolumigen Wohnbauten kommt immer öfter eine Flächenheizung und -kühlung über die Decke zum Einsatz. Bei einigen Wohnbauträgern wird sich dieses System als Standard etablieren. Lüftungsanlagen werden aufgrund der Hygienekriterien und dem hohen Wartungsaufwand eher kritisch gesehen“, ergänzt Stürzlinger.

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