Umweltfreundliche Wasserstoffspeicher und die Revolution der Windkraft: Bereits jedes dritte Start-up am Science Park Graz setzt sich mit dem Klimaschutz auseinander. Für diese nachhaltigen Entwicklungen wurde die steirische Gründerschmiede im Frühjahr von einer internationalen Start-up-Plattform ausgezeichnet. Aktuelle Start-ups weisen bahnbrechende Erfolge im Bereich der erneuerbaren Energien vor. So auch das Unternehmen Renewgery mit einem neuen Ansatz der Konstruktion von Windpanels. Wir sprechen mit CEO Dr. Markus Schlagbauer über die Vorteile und Herausforderungen der unbeweglichen Windkraftmodule und ob ein Ausstieg aus fossilen Energieträgern künftig realistisch ist. 

Austrian Roadmap 2050: Ihre modularen Windkraftanlagen basieren auf einem neuen Verfahren zur Erzeugung von Strom aus Wind ohne bewegliche Teile. Sie benötigen weder einen Motor noch einen Generator oder ein Lager. Können Sie die Vorteile ihres Konzepts gegenüber herkömmlichen Windkraftanlagen erklären?

CEO Renewgery Dr. Markus Schlagbauer © Christine Rechling

Dr. Markus Schlagbauer: Da unsere Windpaneele ohne bewegliche Teile auskommen entfällt ein großer Anteil der Wartungskosten von herkömmlichen Windkraftanlagen. Bei herkömmlichen Windkraftanlagen muss man über die Lebensdauer rund 50 % der Investitionskosten für die Instandhaltung aufbringen. Bei den Windpaneelen wird eine einfache Reinigung genügen. Die Windpaneele können weltweit an jedem Ort installiert werden, wo eine ausreichend hohe durchschnittliche Windgeschwindigkeit herrscht. Diese können auf bestehenden Gebäuden und Bauwerken montiert werden, so können erstmals bereits bebaute bzw. urbane Flächen für die Erzeugung von Windenergie verwendet werden. Auch an anderen Orten, wo große Anlagen nicht installiert werden können, wegen z.B. der Nähe zu bewohntem Gebiet, Naturschutz oder zu geringer Zugänglichkeit (keine Straßen für den Transport) ist es bisher nicht möglich Windenergie effizient zu nutzen. Das möchten wir mit unserem Produkt ändern. Durch die modulartige und leichte Bauweise der Windpaneele sind keine großen Straßen zum Installationsort notwendig. Die Windpaneele sind leise, sicher und anpassbar an die umgebende Landschaft. Dadurch erhoffen wir uns eine hohe Akzeptanz und bieten eine neue Möglichkeit auch in den westlichen Bundesländern von Österreich Windenergie im großen Maßstab zu nutzen.

ARM2050: Gerade befinden Sie sich noch im Forschungsprozess. Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Forschung und Entwicklung von ihren Windkraftmodulen?

MS: Die größte Herausforderung ist die Erreichung des gewünschten Wirkungsgrades. Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf Themen der Materialforschung. Wir wollen uns bewusst nicht in den Sektor des Energie Harvestings begeben, wo man sich mit einigen mW/m2 zufriedengibt. Außerdem arbeiten wir daran, dass trotz Verschmutzung der Wirkungsgrad der Windpaneele über die Lebenszeit erhalten bleibt.

ARM2050: Ist es möglich mit den Windkraftmodulen von Renewgery die gleiche Leistung zu erzielen wie bei den klassischen, beweglichen Windkraftanlagen?

MS: Ja, unsere Analysen haben gezeigt, dass die einzige Begrenzung für unsere Windpaneele der so genannte Betz’sche Beiwert ist, der auch für herkömmliche Windkraftanlagen gilt. Dieser besagt, dass 59 % der Energie, die im Wind vorhanden ist, genutzt werden kann. Herkömmliche Windkraftanlagen haben bereits diese hohe Effizienz erreicht, auch wenn es einige Jahrzehnte an Entwicklung gedauert hat. Man muss sich eingestehen, dass bei der Entwicklung der Windpaneele auch einige Jahre notwendig sein werden, um diese Energieausbeute zu erreichen. Daher geben wir uns für ein erstes marktfähiges Produkt mit 10 % Wirkungsgrad zufrieden, der aufgrund der einfachen Bauweise und den dadurch geringen Kosten konkurrenzfähig ist.

Die innovative Windpanelkonstruktion von Renewgery. © Renewgery

ARM2050: Aufgrund der Skalierbarkeit der Windkraftanlagen können kleine oder große Systeme installiert werden. Die Energie kann direkt vor Ort genutzt werden und die Windkraftanlagen sind leicht zu transportieren. Sind diese Windkraftanlagen auch für Privatpersonen geeignet und können diese zusätzlich zu Photovoltaik auf dem Dach verwendet werden?

MS: Genau, das wird eines unserer Haupteinsatzgebiete sein. Die Windpaneele sind dabei eine ideale Ergänzung zu PV Anlagen. Während PV Anlagen vorwiegend am Tag und im Sommer Strom produzieren, wird Strom aus Windenergie morgens und abends als auch im Winter produziert. Bei einer gemeinsamen Installation ist nur darauf zu achten, dass die Windpaneele frei stehen, sodass der Wind frei durchblasen kann und dass diese keinen Licht-Schatten auf die PV Module werfen.

Jahreszeitliche Abhängigkeit der Stromproduktion von PV Anlagen und Windkraftanlagen. Quelle: strom-report.de

ARM2050: Derzeit wird viel darüber diskutiert, dass der 100 % Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu kosten- und zeitintensiv ist und es an zusätzlichen Lösungen bedarf. Denken Sie der Energiebezug aus rein nachhaltigen Energiequellen ist in Zukunft realistisch?

MS: Ja, diese Ziele sind realistisch. Um den Energiebedarf der Menschheit zu decken, genügt ein Bruchteil (0,01 %) der Sonnenenergie, die unseren Erdboden erreicht bzw. ein Bruchteil (1 %) der verfügbaren Windenergie. Wir setzen bei der Produktentwicklung auch einen Fokus darauf unter extremer Armut lebenden Menschen Zugang zu erneuerbarer Energie zu ermöglichen. Das heißt die Windpaneele werden so konzipiert, dass sie auch dort installiert werden können, wo keine gut ausgebaute Infrastruktur wie LKW-fähige Straßen oder ein stabiles Stromnetz vorhanden ist.

ARM2050: Welche kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen sind für dieses Ziel notwendig?

MS: Kurzfristig müssen wir massiv in erneuerbare Energiequellen investieren. Derzeit sind vor allem Photovoltaik Module in viel zu geringem Maß verfügbar, was den erneuerbaren Ausbau massiv hemmt. Wichtiger als Ölscheichs die Hände zu schütteln wäre es jetzt, dass sich unsere Politik darum kümmert alle verfügbaren Quellen für Photovoltaik Module anzuzapfen.

Mittelfristige Maßnahmen sind einerseits die Produktion bereits etablierter Technologien nach Österreich zu holen. Im Klartext müssen also mehr Produktionsstätten für PV-Anlagen errichtet werden um unseren Bedarf aus eigener Kraft zu decken. Andererseits sollten Unternehmen wie wir leichter zu Forschungsgelder kommen können. Nur so können wir mittelfristig neue erneuerbare Energiequellen etablieren.

Langfristige Maßnahmen kommen zu spät, um unsere Klimaproblematik zu lösen.

Neben Maßnahmen zur Bereitstellung von erneuerbarem Strom ist kurzfristig eine entsprechende Bewusstseinsbildung absolut notwendig. Für uns scheint es vollkommen normal zu sein, dass wir 2 Tonnen in Bewegung setzen um 1 Liter Milch nach Hause zu holen. Diese Einstellung zur wertvollen Ressource Energie muss sich in den nächsten Jahren massiv ändern.

ARM2050: Was erwarten Sie sich künftig von der nachhaltigen Energiebranche?

MS: Ich erwarte mir einen fairen Umgang mit den Konsument:innen. Erneuerbare Energie muss leistbar bleiben, um weiterhin akzeptiert zu werden. Es ist teilweise zu bemerken, dass die Werte von staatlichen Förderungen auf die Produktpreise aufgeschlagen werden und so die Förderungen nicht beim Endkunden, sondern beim Produzenten ankommen.

Wir wollen nach wohlfahrtsökonomischen Grundsätzen handeln und jedem ermöglichen günstigen, grünen Strom zu produzieren.

ARM2050: Benötigt die nachhaltige Energiebranche grundsätzlich mehr Technik und Innovation ihrer Meinung nach, um den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden?

MS: Die nachhaltige Energiebranche hat vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten sehr gute Arbeit geleistet um erneuerbare Energie effizient und günstig verfügbar zu machen. Die verwendeten Materialien sind aber teilweise problematisch und müssen nach der Lebenszeit als Sondermüll entsorgt werden. Z.B. Faserverstärkte Kunststoffe in Rotorblättern von Windrädern. Hier wird es in den kommenden Jahren nötig sein verstärkt in die Materialaufbereitung zu investieren. Unsere Windpaneele werden übrigens im Sinne von Kreislaufwirtschaft einfach wiederverwendbar sein.

ARM2050: Herzlichen Dank für das spannende Interview!

(20. Juni 2022, Sandra Beck)

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