Österreich hat ein Problem: Denn in keinem anderen Land wird so viel Fläche zubetoniert wie hierzulande. Im Gespräch mit Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, gehen wir den Fragen nach welche Folgen das hat und wie Versicherer und Regierung auf die Problematik reagieren.

Die Österreichische Hagelversicherung versichert landwirtschaftliche Kulturen neben Hagel auch gegen Frost, Sturm, Dürre, Überschwemmungen und viele weitere Risiken. Im Zuge von immer extremer werdenden Wetter- und Klimaverhältnissen: Ist das Risiko mittlerweile schwerer zu kalkulieren und Ihr Kerngeschäft komplizierter geworden?

Die standortgebundene Landwirtschaft ist mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel als erste und am stärksten von zunehmenden Unwetterextremen wie Hagel, Frost, Dürre oder Überschwemmungen als Folge des Klimawandels betroffen.

Der Klimawandel bringt mehr Dürreschäden und die Zubetonierung von Agrarflächen mehr Überschwemmungsschäden mit sich. Durch diese Entwicklung nehmen die Schäden durch Naturkatastrophen insgesamt rapide zu. Wir als Spezialversicherer des Agrarsektors, der neben Österreich auch in fünf osteuropäischen Ländern tätig ist, können den wirtschaftlichen Schaden der betroffenen Kunden abfedern. Dazu bieten wir die umfassendste Produktpalette sowie die moderneste Schadenserhebung Europas und stellen unseren versicherten Kunden verschiedene kostenlose Managementtools wie z.B. Wetteranalysen oder Satellitenbilder zur Verfügung.

Wie schaffen Sie es trotzdem bestmögliche Risikovorsorge für Ihre Versicherungsnehmer zu garantieren?

Wir diversifizieren die Risiken über die Fläche. So haben wir bereits 90 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gegen das Risiko Hagel und 70 Prozent gegen weitere Wetterextreme versichert. Auf der anderen Seite stehen Innovation und Digitalisierung der Geschäftsprozesse im Mittelpunkt der unternehmerischen Tätigkeit. Die sogenannte Indexversicherung gegen das Risiko Dürre ist einzigartig in Europa. Parameter ist der mangelnde Niederschlag gemessen an den ZAMG-Wetterstationen. Der Vorteil besteht darin, dass bei derartig großflächigen Schäden keine Schadenserhebung vor Ort stattfinden muss. Wir nutzen aber auch die Kopernikus-Daten der europäischen Weltraumagentur ESA für die Schadenserhebung. Zudem werden sie von uns aufbereitet und den Kunden für betriebsoptimierende Maßnahmen zur Verfügung gestellt.

Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung und stv. Aufsichtsratspräsident der ÖBB-Holding / ©: ÖHV
„Wir haben beim Brotgetreide bereits jetzt nur mehr einen Selbstversorgungsgrad von 86%, bei Kartoffeln von 80%, bei Gemüse nicht einmal 50% und bei Soja sogar nur 15%. Vom Beton können wir nicht abbeißen.“

Aktuell wird viel über die Themen Bodenverbrauch und die Versiegelung von Flächen diskutiert. Die neue Regierung hat ein detailliertes Programm für „Gesunde Böden und zukunftsfähige Raumordnung“ in die Agenda aufgenommen. Warum ist das so wichtig?

Wir sind beim Flächenverbrauch – trotz abnehmender Tendenz – Europameister im negativen Sinn. Wir haben die höchste Supermarktfläche und das dichteste Straßennetz. Allein in den letzten 25 Jahren haben wir hierzulande durch Verbauung 150.000 Hektar Äcker und Wiesen verloren. Das entspricht der gesamten Agrarfläche des Burgenlands. Wenn man bedenkt, dass uns täglich weitere Agrarflächen für die heimische Lebensmittelproduktion in der Größenordnung von aktuell rund 20 Fußballfeldern abhandenkommen, dann ist diese Entwicklung grob fahrlässig. Nur mit ausreichend Boden sind wir in der Lage die Selbstversorgung nicht weiter zu gefährden. So haben wir beim Brotgetreide bereits jetzt nur mehr einen Selbstversorgungsgrad von 86 Prozent, bei Kartoffeln von 80 Prozent, bei Gemüse nicht einmal 50 Prozent und bei Soja sogar nur 15 Prozent. Vom Beton können wir nicht abbeißen. Gegenwärtig sind wir aber noch immer um den Faktor 5 über dem Zielwert der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahr 2002, nämlich den Flächenverbrauch auf 2,5 Hektar pro Tag zu begrenzen. Genau dieser Zielwert wurde aber in das neue Regierungsprogramm aufgenommen. Das stimmt mich optimistisch.

Vor welchen Herausforderungen steht die neue Regierung bei der Umsetzung des Programms hinsichtlich Flächennutzung? Wo braucht es mehr Eingriffe des Bundes und welche Werkzeuge müssen entwickelt werden?

Erstmals hat eine Bundesregierung dieses brennende Umweltproblem Österreichs so detailliert in ein Regierungsprogramm aufgenommen. Die Herausforderung ist aber, dass der Bund in Sachen Raumordnung nicht die primäre Kompetenz hat. Die Baubehörde erster Instanz ist der Bürgermeister und für die Flächenwidmung ist der Gemeinderat zuständig. Jede Flächenwidmungsplanänderung muss zwar von den Ämtern der Landesregierung genehmigt werden, aber wenn man sich die Zersiedelung ansieht, dann erkennt man rasch, dass dies scheinbar nicht funktioniert. Aus welchen Gründen auch immer. Hier ist eine stärkere Kontrolle der Gemeinden durch die Landesregierung notwendig. Auch der Finanzausgleich könnte als wichtiges Instrument des Bundes im Zusammenhang mit der Verbauung genutzt werden. So könnte der Bund etwa über diesen Hebel Geld für Bestandssanierungen und Leerstandsnutzungen anbieten, wenn man bedenkt, dass wir hierzulande laut Schätzungen des Umweltbundeamtes einen Leerstand von 40.000 Hektar haben. Das entspricht umgerechnet der Fläche der Stadt Wien. Ohne Anstoßfinanzierung bzw. steuerliche Erleichterungen wird eine Revitalisierung aber nicht funktionieren. Es ist noch immer günstiger auf der grünen Wiese zu bauen.

Wichtig ist auch, dass weiter in nachhaltige Mobilität wie die Schiene investiert wird, da diese Infrastruktur weniger Fläche braucht und Zugfahren umweltfreundlich ist. Jedenfalls sollten die Punkte im Regierungsprogramm rasch umgesetzt werden, um der grob fahrlässigen Fehlentwicklung beim Flächenverbrauch der letzten Jahre Einhalt zu gebieten. Es geht letztendlich um die Zukunft Österreichs und um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder!

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