Inmitten der Corona-Krise, die die Welt derzeit in Atem hält, auf die Klimakrise hinzuweisen, mag auf den ersten Blick vermessen klingen. Während zu hoffen ist, dass die Corona-Krise mittelfristig überwunden werden kann, stellt die Klimakrise eine langfristige und stetig wachsende Bedrohung dar.  Die schlagartigen Veränderungen infolge der Corona-Krise könnten aber den lang ersehnten Schlüssel für deren Bewältigung bergen. Doch um diesen zu unser aller Vorteil zu nutzen, braucht es entschlossenes Handeln und starke Entscheidungen.

 

Die Corona-Krise führt derzeit dazu, dass nahezu die gesamte Menschheit in Anbetracht einer Bedrohung ihr alltägliches Verhalten geradezu schlagartig ändert, um sich selbst und die Mitmenschen zu schützen. Die Krise hat neben drastischen sozialen Auswirkungen auch große Veränderungen in Bezug auf das Mobilitätsverhalten, das Konsumverhalten und dadurch entstehende Treibhausgasemissionen zur Folge. Der weltweite Flugverkehr ist um etwa zwei Drittel eingebrochen [1] und eine Erhebung der TU Wien  zeigt, dass auch die Anzahl der Wege im Arbeitsverkehr drastisch abgenommen hat (Abbildung 1).

Abbildung 1: Verkehrsmittelwahl für den Arbeitsweg vor (links) und während (rechts) der COVID-19 Ausgangsbeschränkungen in Österreich (Quelle: https://blog.fvv.tuwien.ac.at/corona/, Datenbasis 30.04.2020)

 

You never let a serious crisis go to waste…it’s an opportunity to do things you think you could not do before. Emanuel Rahm, ehem. Bgm von Chicago

In Deutschland wird prognostiziert, dass die Pariser Klimaziele für das Jahr 2020 erstmals eingehalten werden können. So wird prognostiziert, dass die CO2-Emissionen gegenüber 2019 aufgrund der Corona-Krise konservativ geschätzt um 50 Mio. Tonnen sinken. [2]

Das veranschaulicht, dass die Veränderungen infolge der Corona-Krise ein “Window of opportunity” bieten, eine nachhaltige Wende im Klimaschutz anzustoßen.  Verhaltensänderungen im Mobilitätsverhalten sind allgemein schwierig zu erreichen. Nun finden sie statt. Vielen Menschen wird die Möglichkeit geboten, aus dem Home Office ihren Berufen weiterhin nachzugehen. Ein Modell, das gefühlt seit Jahrzehnten auf den Durchbruch wartet wurde über Nacht großflächig ausgerollt. Lokale, aber auch internationale Meetings finden virtuell statt. Termine, die bisher oft als Anlass für Kurzstreckenflüge dienten, werden ohne Ortsveränderung wahrgenommen. Es ist zu erwarten, dass auch nach der Krise auf diese nun bewährten Methoden zurückgegriffen wird.

Zusätzlich zeigt die Krise bestehende Probleme auf: der öffentliche Raum in Städten ist großteils dem MIV gewidmet, während sich RadfahrerInnen und FußgeherInnen auf engen Gehsteigen und Radwegen drängen. Nun, da ein Sicherheitsabstand beim Zufußgehen verordnet wurde und Fußgeher- und Radverkehr relativ am wenigsten Rückgang aufweisen, wird dieses Problem augenscheinlich, woraus bereits Lehren gezogen werden: In vielen Städten werden deshalb kurzfristig MIV-Fahrstreifen dem Radverkehr zugeordnet oder zu Begegnungszonen umgewandelt. In Paris und Lima wird das Radwegenetz beispielsweise in kürzester Zeit um 650 km bzw. 300 km ausgeweitet. [3]

Durch die Auferlegung strikter Regeln haben weite Teile der Bevölkerung ihr Mobilitätsverhalten von einem Tag auf den anderen geändert. Die relative Zunahme von Rad- und Fußgeherverkehr gilt es nun nachhaltig zu verankern. Fußgeher- und Radverkehr müssen künftig das Rückgrat des Individualverkehrs in Städten bilden und im Umweltverbund mit dem öffentlichen Verkehr flächendeckend eine nachhaltige Mobilität gewährleisten. Die Rahmenbedingungen sind gut. Jetzt umgesetzte Erleichterungen müssen langfristig gesichert und sogar erweitert werden.

 

“Nichts ist mächtiger als die Gewohnheit.”   Ovid, römischer Dichter

Während der MIV trotz starken Rückgangs nicht überproportional abnahm, verzeichnet der Öffentliche Verkehr die größten Einbußen. Aufgrund der engen physischen Abstände zu anderen Menschen wurde am Anfang der Corona-Krise von seiner Nutzung abgeraten. Nach Überwindung der Corona-Krise, gilt es, den öffentlichen Verkehr bewusst als Antwort auf die Klimakrise zu bewerben. Dadurch wird verhindert, dass sich ein bleibendes negatives Image des öffentlichen Verkehrs festsetzt und damit der MIV indirekt gefördert wird.

Neben der Personenmobilität erlebt auch der Güterverkehr weltweit einschneidende Veränderungen. Vielfach wird auf lokale Produkte und Wertschöpfung zurückgegriffen, der globale Warentransport erlebt einen Einbruch. Das Beispiel der Schutzmasken veranschaulicht Veränderungen in Herstellung und Logistik. Gab es zunächst global wenige zentrale Anbieter, hat sich aufgrund von Lieferengpässen die Zahl vervielfacht. Dank Innovationskraft und Nachfrage werden Schutzmasken nun dezentral und regional produziert, um die Versorgung sicherzustellen. Auch die Wahl des Verkehrsträgers bietet Potenzial. Durch den eingeschränkten Personenverkehr über die Grenzen werden beispielsweise Güter, die jahrzehntelang per LKW transportiert wurden, mit der Bahn befördert. Dennoch ist zu beachten: Gerade im Güterverkehr sind Rahmenbedingungen zu schaffen, um die lokale Wertschöpfung auch ökonomisch zu verankern, da dort letztendlich nicht menschliches Verhalten und Gewohnheiten ausschlaggebend sind, sondern der Preis. Eine Änderung des “Mobilitätsverhaltens” im Güterverkehr durch Schaffung dezentraler Wirtschaftskreisläufe und Verlagerung auf nachhaltige Verkehrsträger kann somit nur mit entsprechenden ökonomischen Rahmenbedingungen erfolgen.

 

“Jede schwierige Situation, die du jetzt meisterst, bleibt dir in Zukunft erspart.”  – Dalai Lama

Wie eingangs erwähnt, bieten die weltweit gefassten Maßnahmen aufgrund der Corona-Krise und das dadurch veränderte Mobilitäts- und Konsumverhalten genau jene Möglichkeit zur disruptiven Veränderung hin zu klimafreundlicher Mobilität, deren Notwendigkeit seit Jahren vorgebetet wird.

Damit sich Handlungsweisen, die derzeit einen Verzicht auf Gewohntes aus (kollektiver) Vernunft und Angst darstellen, nachhaltig durchsetzen können, gilt es die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die krisensichersten Mobilitätsformen, das Fußgehen und Radfahren, sind auch die klimafreundlichsten und platzsparendsten. Ein massiver Ausbau entsprechender Infrastruktur sowie eine Neuaufteilung der Flächen in urbanen Räumen zur Förderung dieser Mobilitätsformen ist längst überfällig. Das Auto als Fortbewegungsmittel in dicht besiedelten Räumen kann künftig nur noch als Nischenanwendung für spezielle Anforderungen dienen dürfen.

Überhaupt ist in zu erwartenden Konjunkturpaketen in Form von Investitionen in Infrastruktur deren Klimagerechtigkeit in den Mittelpunkt zu rücken. Dass Maßnahmen, wie die Dritte Piste am Flughafen Schwechat oder der Lobautunnel dabei kontraproduktiv sind, liegt auf der Hand. Anstatt den klimaschädlichen Flugverkehr weiter zu subventionieren, könnte die Zäsur in der Branche dazu zu genützt werden, Kostenwahrheit herzustellen. Neben der Mehrwertsteuer auf internationale Tickets sind eine Kerosinsteuer sowie eine adäquate ökologische Besteuerung für den Flugverkehr zu fordern. Somit kann der Flugverkehr unter neuen Rahmenbedingungen gesundschrumpfen. Diese Kostenwahrheit betrifft jedoch bei weitem nicht nur den Flugverkehr. Eine ökosoziale Steuerreform, die die ökologischen Auswirkungen des MIV und des LKW-Verkehrs einpreist und zugleich den öffentlichen und nicht motorisierten Verkehr entlastet, ist notwendig, um Klimaschutz nachhaltig zu verankern.
Dass diese Maßnahmen in der Theorie auf breite Zustimmung treffen, ist belegt. Doch nun ist es an der Zeit, diese auch in die Tat umzusetzen – und dieser herausfordernden Krise somit wenigstens irgendeinen Sinn zu geben.

 

“Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende” – Demokrit, griechischer Philosoph

Unser Appell: Das durch die Änderung des Mobilitätsverhaltens geschaffene “Window of Opportunity” muss insbesondere von den EntscheidungsträgerInnen der Regierung und internationaler Institutionen dazu genutzt werden, jetzt einen nachhaltigen Lenkungseffekt einzuleiten. Dies bedeutet, dass trotz der vielseitigen Herausforderungen nach der Corona-Krise, ein weitreichendes und konsequentes Paket zum Klimaschutz Priorität haben muss.

Autoren:
Florian Polterauer, Johannes Kehrer, Florian Pototschnig, Matthias Landgraf, Barbara Laa, Nicole Pfersche, Niki Schmölz, Martina Zeiner

Über die Junge ÖVG:
Die junge ÖVG bildet die Nachwuchsorganisation der ÖVG (Österreichische Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft).
Mitglieder sind junge WissenschaftlerInnen bzw. junge MitarbeiterInnen aus Unternehmen, Universitäten und Gebietskörperschaften, die in unterschiedlichen Bereichen der Verkehrsbranche tätig sind.
Das Ziel ist, die „Jungen“ in der Verkehrswissenschaft zu repräsentieren, neue Ansichten und Blickwinkel einzubringen und die „junge Wissenschaft“ zu fördern.

Quellenangaben:
[1] Statista, https://de.statista.com/infografik/21113/veraenderungen-der-anzahl-der-abfluege-im-vergleich-zur-jeweiligen-vorjahreswoche/
[2] Deutsche Welle, https://www.dw.com/de/corona-krise-deutschland-schafft-klimaziel-f%C3%BCr-2020-pandemie-merkel-deutschland-co2-covid-19/a-52862238
[3] Forbes, https://especiales.elcomercio.pe/?q=especiales/pedalear-contra-la-pandemia-ecpm/index.html
Bildquelle: Wiener Linien

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