Die Roadmap2050 traf DI Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds, zum Interview. Einer seiner Förderschwerpunkte ist es, die Dekarboniserung der Industrie voran zu treiben – und innovative Lösungen in diesem Bereich rasch in den Markt zu bringen. Der Fonds ist in seiner Funktion als Drehscheibe zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft ein wichtiges Instrument der Bundesregierung, um die Klima- und Energiestrategie #mission2030 umzusetzen.

Frau Vogel, spielen wir einmal Stadt / Land: Sind Städte die Treiber des Wandels?

Eine große Stadt ist alleine schon durch die Masse an Verkehr und die Vielzahl an „Playern“ langsamer im Handeln. Ländliche Gemeinden und kleinere Städte tun sich leichter, weil Aktivisten näher an der Bevölkerung sein können. Darüber hinaus brauchen erneuerbare Energien wie Photovoltaikfelder oder Windkraftanlagen Platz, der im ruralen Bereich vorhanden ist. Nicht umsonst war Güssing DER early mover in Sachen erneuerbare Energien, beherbergt heute das European Center für Renewable Energy und hat zahlreiche Nachahmer unter Österreichs Gemeinden gefunden. Auch die thermische Sanierung, eine Säule der Dekarbonisierung, lässt sich bei eigenen Immobilien schneller angehen, als in städtischen Mietobjekten.

Daher ist die Frage, ob Städte Treiber der Energiewende sind, also mit Nein zu beantworten. Denn Städte sind zwar die Plätze der Forschung, die Plätze der Wissensvermittlung, aber wie wir sehen, teilwiese an der Grenze dessen angelangt, was wir als Lebensqualität bezeichnen. Aber es bieten sich zahlreiche Chancen für Städte. Nur muss u.a. das Platzangebot in der Stadt schlichtweg neu verhandelt werden: Die Menschen müssen sich die Stadt zurückerobern. Nachhaltige Mobilität wie Roller, Räder und Öffis sollen die Menschen bewegen – und ihnen nicht im Weg stehen.
In Städten herrscht ein erfreulich hohes Interesse an neuen Mobilitätsformen. Diese Trendumkehr ist z.B. in Wien und Graz bereits spürbar.
Aber darüber hinaus, das betrifft nicht nur Österreichs Städte, müssen öffentliche Freiräume auch teilweise sich selbst und damit ihren BewohnerInnen überlassen werden, damit eine kreative Eigennutzung entstehen kann, wie z.B. Gemeinschaftsgärten. Die Ernährung, die aus der Stadt selbst kommt, beschäftigt in interessanten Programmen zum Beispiel gerade Innsbruck oder eben Graz.

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit für eine nachhaltige, intelligente und lebenswerte Stadtentwicklung liegt auch auf Projekten, die Städte abkühlen – selbst jetzt im Oktober noch eine fühlbare Notwendigkeit.

Verhaltensänderung braucht die Breite, ist eine „Bottom-up-Bewegung“, es braucht aber auch „Top- down-Initiativen“, wie Gesetze, Förderungen und beispielhafte Kommunikation. Wie sehen Sie diese Wechselwirkung?

Aus Studien wissen wir, dass wir immer nur einen kleineren, interessierten Teil der Bevölkerung mit unseren Themen erwischen können. 25 Prozent wären hier schon viel. Auch die Politik hat es mit puren Sachentscheidungen schwer, weil bei jeder Entscheidung sowohl soziale als auch wirtschaftliche Aspekte mitgedacht werden müssen. Und nicht immer gehen diese Aspekte Hand in Hand. Und für viele Menschen ist das Thema eines nachhaltigen Konsums schlichtweg auch eine Frage der Leistbarkeit – Stichwort Kauf von biologischen, regionalen Lebensmitteln oder Anschaffung von E-Autos.

Was wir eindeutig brauchen, ist ein Wertewandel bei den Statussymbolen und beim „Leben auf der Bühne der Aufmerksamkeit“ – Junge Menschen definieren sich längst nicht mehr über ein Auto.

Familien dagegen haben oft selbstverständlich zwei Autos vor der Türe, einfach aus deswegen, weil es der Nachbar auch so hat. Diese Dynamik bei Wärmetauschpumpen oder das Solarpaneelen – das wäre gut fürs Klima!
Aber wir finden immer mehr Haushalte, die bereit sind, erneuerbare Energien zu installieren. Verhaltensänderung braucht vor allem aber auch Pioniere, Einzelpersonen mit einer Idee, die Überzeugungsarbeit leisten. Es zählt die Motivation, einen Beitrag zur Erzielung der Klimaziele zu leisten.

 

Die Industrie und ihr Beitrag zur Energiewende – wie beweglich sind Österreichs Unternehmen da und wie trägt der Klima- und Energiefonds dazu bei?

500 Mio. Förderung erzeugen mehr als 1 Mrd. Investitionen in den Firmen – und das alleine in der Forschung.
Es gibt Frontrunner-Unternehmen in Österreich, die die Energiewende als Chance sehen und mutige Schritte gehen – so zum Beispiel die VOEST, die sich nicht an Billigstahl aus China orientiert, sondern ganz bewusst auf hochwertigen, klimaneutral hergestellten Stahl setzt, den man z.B. zum Bau CO2 neutraler Züge benötigt. Da misst sich die VOEST z.B. mit schwedischen Unternehmen, die ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Insgesamt haben wir mit unserem Energieforschungsprogramm bereits mehr als 800 Projekte gefördert. Und es könnten mehr sein – uns fehlen einfach die Mittel all die hervorragenden Initiativen heimischer Unternehmen und insbesondere auch der Industrie zu unterstützen.
Wenn sie konkret nach den Lösungen der Industrie für diese Jahrhundertaufgabe Energiewende fragen: In unserer Vorzeigeregion Energie NEFI, New Energy for Industry, wird an der klimafitten Versorgung der Industrie gearbeitet.
Wir sehen ein enorm hohes Engagement der heimischen Industrie, die Energiewende mit zu gestalten. Dieses Engagement muss abgeholt werden. Dazu braucht es starke, verlässliche Partner – das möchten wir unseren Projekten bieten.

 

Sie haben erwähnt, dass Vorbilder sehr wichtig sind, wenn man Veränderungen vorantreiben möchte. Österreich hat keinen Leo Di Caprio, der den Amerikanern immer, wenn er großes Publikum hat, den ökologischen Change predigt. Wo sehen Sie in Österreich die relevanten Meinungsmacher?

Mit einem DiCaprio können wir nicht dienen, aber mir sind Role Models aus der Praxis ohnehin lieber. Mit Max Schachinger haben wir einen Logistik Unternehmer & Vordenker, der auch handelt, so zum Beispiel mit der Gründung des Councils für nachhaltige Logistik.
Einem weit größeren Publikum, nicht zuletzt durch den ORF, ist Helga Kromp-Kolb bekannt. Ihr Wissen, ihre Publikationen, Artikel oder Keynotes können gar nicht genug wertgeschätzt und anerkannt genommen werden. Beide sind hoch motiviert und das bereits seit vielen Jahren. Und sie haben natürlich zahlreiche MitstreiterInnen. Sie hier alle zu nennen, ist nicht möglich – aber sie sind für uns ganz wichtige Partner dafür, nachhaltige Lösungen rasch auszurollen.

 

Die Lage des Weltklimas und die geringe Zuwendung zu dessen Heilung ist ernst zu nehmen. Der Klima- und Energiefonds erreicht in seiner Arbeit sehr gut die Industrie, Wissenschaft, Stakeholder und Forschung, wie sieht es da mit den Breitenmedien aus, wie ist generell die Sprache des Fonds, um seine Ziele zu erreichen?

Klar ist, dass „Bad News“ besser gehen und Bilder von Auswirkungen der Klimakrise verkaufen sich besser. Dennoch berichten auch Breitenmedien über Erfolgsprojekte. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der Bezirksmedien – diese befassen sich zum Teil detailliert mit Umwelt- und Klimaprojekten, die vor ihrer Haustür stattfinden. Und diese fördern wir ja über Modellregionen und erreichen mit ihnen Menschen in ganz Österreich.

Unsere Sprache ist generell keine Panik erzeugende, das wäre kontraproduktiv. Wir zeigen Lösungen auf, schaffen Leuchttürme, die ihre Nachahmer finden, demonstrieren im Kleinen, wie es global funktionieren kann.

 

Österreich hinkt hinter seinen Zielen nach. Einige der größten Industrienationen der Welt scheinen den nötigen Wandel zu negieren. Aber, so ist sich die Klimaforschung einig, es ist schon fünf vor zwölf. Ist da „Fridays for Future“ gerade zur rechten Zeit gekommen – und ist es mehr als ein Aufflackern, wie vor Jahren „We are 99%“?

Fridays 4 Future ist zur rechten Zeit gekommen – und wahrscheinlich auch, um zu bleiben. Es haben sich ja aus der Bewegung schon zahlreiche „Töchter“ ergeben, die sich auf F4F berufen oder sich anschließen. Der Klimaschutz ist Thema Nummer 1 – und nicht nur in Österreich. Sie, ich, die Industrie, die Wissenschaft, die Medien, die Institutionen, die Politik – Wenn Sie von Ihren Enkeln gefragt werden: „Was hast Du während Fridays4Future gemacht? Wo warst Du und was hast Du getan, als das Klima auf der Kippe stand?“ Wollen Sie nicht auch eine Antwort geben können, die Ihre Enkel stolz macht?

Willkommen in der Zukunft. 
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