Nach welchen Kriterien investieren die ÖBB in die Bahn-Infrastruktur? Wie sieht die Bahn der Zukunft aus? Die Finanz-Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG, Silvia Angelo, über den neuen Rahmenplan bis 2026 und die spannenden Herausforderungen, die auf die Bahn zukommen.

Silvia Angelo © ÖBB Infra AG

In den Medien war in den letzten Wochen verstärkt vom „Rahmenplan“ der ÖBB die Rede, der von 2021 bis 2026 läuft. Wie verplanen und investieren die ÖBB eigentlich die vielen Milliarden, die vom Steuerzahler kommen? Immerhin allein für die nächsten sechs Jahre sind es für die Infrastruktur 17,5 Milliarden Euro. Und ist das nicht eine gewaltige Verantwortung, dieses Geld auch richtig einzusetzen?

Es ist sicher eine große Verantwortung und auch eine Ehre, an der Zukunft Österreichs mitarbeiten zu dürfen. Verantwortung haben wir gegenüber den Menschen, die heute in Österreich leben, aber auch gegenüber unseren Kindern und Enkeln. Denn erst sie werden abschließend beurteilen können, ob wir richtig geplant und gebaut haben. Diesem Druck sind wir uns in der ÖBB-Infrastruktur AG – und bin ich mir als Finanzvorständin – täglich bewusst. Es ist Druck, aber auch zusätzlicher Antrieb.

Unsere Investitionsentscheidungen basieren zunächst auf dem Zielnetz 2025+ – das ist unser langfristiges und umfassendes Gesamtkonzept für die österreichische Eisenbahninfrastruktur. Es dient als strategische und objektive Planungsgrundlage. Ausgangspunkt für unsere Überlegungen sind die Schätzungen über die künftigen Verkehrsströme und die verkehrspolitischen Antworten auf diesen Bedarf.

Auf den Boden gebracht wird das Zielnetz durch die entsprechenden Rahmenpläne – zuletzt der kürzlich beschlossene, von Ihnen angesprochene Rahmenplan 2021 – 2026. In den Rahmenplänen sind die zeitlichen und finanziellen Fundamente für die Entwicklung der Bahninfrastruktur in Österreich bis in einzelne Bauprojekte detailliert festgehalten.

Ist so etwas in schnelllebigen Zeiten, in denen sich sogar von Tag zu Tag vieles ändert, noch zeitgemäß? Wie können Sie heute wissen, was 2026 notwendig sein wird? Macht so eine „Planwirtschaft“ die ÖBB nicht sehr unbeweglich?

Nein, sicher nicht, ganz im Gegenteil. Um das Instrument des Rahmenplans beneiden uns viele Infrastrukturbetreiber. Er ist ein zentrales Element in der Erfolgsgeschichte der Bahn in Österreich. Er ermöglicht uns kontinuierliche Planung und Entwicklung der bautechnischen und finanziellen Aspekte. Wenn man Projekte baut, deren Errichtung Jahrzehnte dauern kann und die auf hunderte Jahre Lebensdauer ausgelegt sind, ist die langfristige Perspektive und Kontinuität entscheidend. Sonst wären Vorhaben wie der Brenner-Basistunnel oder die neue Südstrecke mit Koralm und Semmering-Basistunnel nicht zu verwirklichen. Wir bauen Infrastruktur für Generationen.

Darüber hinaus wird der Rahmenplan ja jährlich adaptiert. Neue Schwerpunktsetzungen sind also durchaus auch möglich, wie der neue Rahmenplan eindrucksvoll beweist. Und überdies macht der Rahmenplan auch den täglichen Betrieb planbarer: Wenn ich Bauvorhaben langfristig vorplanen kann, kommen auch Streckensperren für Personen- wie Güterverkehr nicht überraschend. In manchen Ländern gibt es da oftmals größere kurzfristige Änderungen, die für die Kunden natürlich unangenehm und damit für die Bahn schlecht sind.

Welche Schwerpunkte setzt der neue Rahmenplan – und wie wird die Bahn des Jahres 2040 in Österreich aussehen?

Die Bahn der Zukunft muss große Herausforderungen meistern. Unter Klimaexperten herrscht Einigkeit darüber, dass ohne Bahn die Klimaziele nicht erreicht werden können. Doch was bedeutet das in der Praxis? Bis 2030 muss der Verbrauch von Diesel und Benzin in Österreich um ein Drittel sinken, und das ist nur ein Zwischenziel. Ein Drittel, das bedeutet, dass etwa 3,5 Milliarden Liter Diesel und Benzin weniger verbrannt werden dürfen – und ein großer Teil der dahinterstehenden Transportleistung muss auf die Schiene wandern. Und das ist eine große Aufgabe für unsere Infrastruktur.

Auf die der neue Rahmenplan die richtigen Antworten bereithält?

Wir sind davon überzeugt. Noch nie wurde so viel in die Schieneninfrastruktur investiert, bis 2026 sind es laut Rahmenplan jährlich rund drei Milliarden Euro. Und es gibt neben den wichtigen Großprojekten zwei weitere Schwerpunkte: Den Ausbau der Pendlerverbindungen von den großen Städten in die angrenzenden Regionen, und die Regionalbahnen, die uns ein wichtiges Anliegen sind.

Was planen Sie für die Pendler? Zu den Spitzenzeiten sind die Züge ja schon heute randvoll. Hier hört man ja immer öfter die Forderung nach noch mehr Angebot. Wie wollen Sie da noch deutlich mehr Menschen transportieren?

Genau darauf ist der neue Rahmenplan die Antwort. Ein gutes Beispiel ist der Großraum Wien. Die Strecken nach und von Wien werden ausgebaut – z.B. von Mödling nach Wien viergleisig. Dazu werden Fernzüge, die aus dem Süden kommen, nach Fertigstellung der Pottendorfer Linie von dort in den Hauptbahnhof fahren, was auf der Südstrecke weitere Kapazitäten für Regionalzüge und Schnellbahnen bringt. In Wien selbst, wo es nicht möglich ist, einfach Strecken dazu zubauen, setzen wir auf High-Tech wie satellitengestützte Verkehrsleitung, verlängerte Bahnsteige und die neuesten Ausbaustufen des ETCS (European Train Control System). Damit schaffen wir es, in den kommenden Jahren die Zahl der Züge in Wien auf der Stammstrecke zwischen Meidling und Floridsdorf von täglich 700 auf 900 zu steigern. Wir werden zum Teil kürzere Intervalle fahren können als die U-Bahn.

Und in den Ballungsräumen etwa um die Landeshauptstädte werden ähnliche „Ertüchtigungsprogramme“ das Angebot für Pendler noch deutlich verbessern. Und dass ein gutes Angebot Nachfrage schafft, haben wir schon auf der Weststrecke und in Wien beweisen können: Ein Drittel mehr Fahrgäste in Wien und Zuwachsraten von deutlich über 50 Prozent auf der Weststrecke in den vergangenen Jahren sind schöne Erfolge.

Und in den ländlicheren Regionen – was haben die Menschen dort vom Bahnausbau?

Die Entwicklung der Regionen ist uns sehr wichtig und ein Kernelement des neuen Rahmenplans. Die Regionalstrecken erfüllen zwei überaus wichtige Funktionen: Zum einen sind sie unverzichtbare Zubringer zu den Hauptstrecken, zum anderen erschließen sie aber selbst ländlichere Regionen und werten den Wirtschaftsstandort auf. Wir erneuern unzählige Bahnhöfe und rüsten die Strecken mit modernster Technik aus, um sie Zukunftsfit zu machen und wo möglich, in Taktverkehre einzubinden. Insgesamt sind dafür in nächster Zeit österreichweit mehr als 1,8 Milliarden Euro eingeplant, vom Gailtal bis zum Innkreis, dem Kamptal, dem Mattigtal, dem Salzkammergut über die Schneebergregion bis zur steirischen Ostbahn. Dazu kommen die Ausbaupläne für die Park & Ride-Anlagen, die es den Menschen in den Regionen ermöglichen, bequem die Verkehrsmittel zu wechseln. Der neue Rahmenplan legt hier auch einen Schwerpunkt auf den Fahrrad-Bereich, dem die Hälfte der Mittel für P&R gewidmet ist und wo wir auch zum Beispiel mit den Fahrradboxen und Lademöglichkeiten das Angebot ausweiten. Und die Bahnhöfe – nicht nur auf Regionalstrecken – werden oftmals zu Servicecentern ausgebaut. Von Paketstationen, an denen man am Abend seine Bestellungen abholen kann, über Bahnhofsgreißler und vieles andere je nach örtlichem Bedarf reichen da die Pläne.

Und die Investitionen kommen in einem großen Ausmaß ja auch regionalen Betrieben zugute, die wir beauftragen. Damit werden auch neue Arbeitsplätze in den Regionen geschaffen oder bestehende gesichert. Wirtschaftsforscher sprechen von 15.000 Arbeitsplätzen pro investierter Milliarde Euro.

Und hier zeigt sich auch eine weitere Stärke des Rahmenplans: Die Kontinuität von Investitionen in schwierigen Zeiten wie aktuell. Natürlich steht die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter, der Auftragnehmer und natürlich der Kunden an erster Stelle. Aber unter Berücksichtigung äußerst genauer Vorsichtsmaßnahmen geht der Betrieb auf unseren Baustellen weiter – was ein nicht zu unterschätzender Stabilitätsfaktor in unsicheren Zeiten ist.

Die österreichischen Steuerzahler bekommen durch die Investitionen in die Bahn-Infrastruktur damit eine dreifache Rendite: Eine moderne, leistungsstarke Bahn-Infrastruktur, wichtige Schritte zu einem klimaneutralen Österreich und Impulse für Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Damit sind die Steuereuros, die uns zur Verfügung gestellt werden, bestens investiert.

© ÖBB Infra AG

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