Im Interview mit der Austrian Roadmap 2050 hat Christian C. Pochtler, Technologieunternehmer und Präsident der Industriellenvereinigung Wien, über strukturelle Probleme und notwendige Veränderungen am Ende des viel zitierten Corona-Tunnels gesprochen. Für ihn ist klar: „Es liegt in unserer Hand, ob Österreich aus dieser Krise gestärkt herauskommt.“

Roadmap: Wie steht es um den Wirtschaftsstandort Österreich?

CHRISTIAN C. POCHTLER: Die Pandemie hat den Wirtschaftsstandort Österreich schwer getroffen. Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Comeback sind allerdings intakt, jedoch nur, wenn wir die richtigen Lehren aus der Krise ziehen und unsere Chancen in diesen herausfordernden Zeiten auch nutzen. Trotz der kürzlich nach oben revidierten BIP-Prognosen brauchen wir eine weitere Beschleunigung unseres Wachstums, insbesondere durch strategische Investitionen und weitreichende Impulse – in puncto F&E, Fachkräfteoffensive und Digitalisierung, um nur einige zu nennen. Nur so werden wir aus diesen folgenschweren Zeiten gestärkt herauskommen. Es bedarf begleitend auch unbedingt eines umfassenden Strukturwandels mit grundlegenden Veränderungen – etwa in den Bereichen Föderalismus, öffentliche Verwaltung, Gesundheit und Pensionen, damit Österreich und auch Europa in den kommenden Monaten und Jahren im globalen Vergleich wieder wettbewerbsfähiger werden.

RM: Stichwort globaler Vergleich: Was braucht es, um die angesprochene Wettbewerbsfähigkeit in Zukunft sicherzustellen?

POCHTLER: Ein Blick über den Tellerrand der Europäischen Union zeigt, dass wir ohne erhebliche Anstrengungen zurückfallen werden: Das für 2021 prognostizierte globale Realwachstum von sechs Prozent geht zu jeweils einem Viertel auf die USA und China zurück, wohingegen die EU lediglich etwa 13 Prozent beisteuert. Um im globalen Vergleich nicht noch weiter abgehängt zu werden, müssen die Risse im ökonomischen Fundament, wie etwa die hohe Arbeitslosigkeit oder die deutlich gestiegene Staatsverschuldung schnellstmöglich angegangen werden – und das besser heute als morgen.

RM: Das European Innovation Scoreboard der EU-Kommission rankt uns nur auf Platz 8, somit ist Österreich außerhalb jener Gruppe von Ländern, die auch als „Innovation Leaders“ bezeichnet werden. Woran liegt das?

POCHTLER: Ich sage oft, dass Innovation jener Treibstoff der Zukunft ist, der den Wachstumsmotor nachhaltig befeuern wird. Innovationen fördern heißt jedoch auch, dass zunächst die zahlreichen hemmenden Faktoren überwunden werden müssen. Was meine ich damit? Es herrscht seit längerer Zeit ein massiver Fachkräftemangel – insbesondere im technischen Bereich. Es fehlen vor allem Mitarbeiter mit wichtigen Zukunftskompetenzen wie Data Analytics, Advanced Coding oder Environmental Science. Neben der bereits gestarteten Bildungs- und Ausbildungsoffensive bedarf es daher rascher Maßnahmen für eine proaktive, kriteriengeleitete Zuwanderung entlang klarer Qualifikationsanforderungen.

RM: Auch in puncto Digitalisierung hinken wir im europaweiten Vergleich hinterher: Rang 13 im Digital Economy and Society Index (DESI) der EU-Kommission unterstreicht einmal mehr, dass Österreich noch viel Potenzial nach oben hat.

POCHTLER: Das Problem ist: Die Digitalisierungslücke wird zu langsam geschlossen. Neben den vielerorts fehlenden digitalen Skills, Akzeptanz und Ausstattung, beispielsweise in unseren Schulen oder etwa auch in der Bewältigung der Corona-Pandemie, geht es nun vor allem um die Stärkung der digitalen Kompetenzen, und dies in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung. Wirft man etwa einen Blick in den Norden Europas, erkennt man, dass die Digitalisierung beispielweise in Estland ein ähnliches Identifikationspotenzial wie Mozart für Österreich hat. In Zahlen bedeutet das: Da sämtliche Dienstleistungen des Landes auch digital angeboten werden, spart sich der Staatshaushalt Kosten in Höhe von rund zwei Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts.

RM: Es gibt in Österreich laufend Debatten über neue Quellen für weitere mögliche Staatseinnahmen. Ist dieser Ansatz noch zeitgemäß?  

POCHTLER: Es braucht dringend eine Änderung des öffentlichen Diskurses statt ausufernder Verteilungsdebatten oder endloser Diskussionen über zusätzliche Staatseinnahmen. Jetzt müssen vor allem die hohen sowie häufig auch vergangenheitsbezogenen Staatsausgaben unbedingt genauer unter die Lupe genommen und einer kritischen Effizienzüberprüfung unterzogen werden. Darüber hinaus ist eine Entlastung heimischer Unternehmen dringend notwendig. Eine große Herausforderung stellt die geringe Eigenkapitalausstattung vieler Unternehmen hierzulande dar. Jedes fünfte Unternehmen weist mittlerweile ein negatives Eigenkapital auf und ist damit massiv in seiner Investitions- und damit Zukunftsfähigkeit beschränkt. Eine grundlegende Stärkung der Eigenkapitalausstattung heimischer Unternehmen ist daher für die Zukunft unabdingbar – wie etwa die Absetzbarkeit fiktiver Eigenkapitalzinsen oder die im Regierungsprogramm vorgesehene Senkung der Körperschaftssteuer auf 21 Prozent. Diese Maßnahmen wären ein erster Schritt, dem noch viel Folgen müssen, um Österreichs Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig aufzurüsten.

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