Auch die Erfinder des Automobils sind bereit für den Beginn einer neuen Ära: Noch vor Ende dieses Jahrzehnts setzt der deutsche Premiumhersteller voll auf Elektroautos, ein radikaler Umbau steht bevor.

Die Einladung zur extrem kurzfristig einberufenen Online-Pressekonferenz erreicht uns passenderweise bei Testfahrten mit dem neuen Elektro-Flaggschiff EQC in der Schweiz. Zwischen Fachgesprächen über die ausgeklügelte Flüssigkeitskühlung von Elektromotoren, cW-Werte und Rekuperationsstrategien wird also spontan ein Zeitfenster freigeschaufelt, um den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, Ola Källenius zu lauschen.
Die erste Einstellung der Videopräsentation zeigt den 52-jährigen Konzernchef aus Schweden inmitten eines dichten Schneesturms. Im Inneren eines Autos sei es ein Leichtes, die Temperaturen im Wohlfühlbereich zu halten. Auf globaler Ebene sei die Übung ungleich herausfordernder, so Källenius, der damit die gigantischen Herausforderungen der Gesellschaft im Allgemeinen und der Autobranche im Speziellen anspricht, den Klimawandel und die damit einhergehenden Wetterextreme auf einem halbwegs verträglichen Niveau zu stabilisieren.

Die E-Strategie von Mercedes hat es in sich

Anders als die europäische Konkurrenz, die bereits vor Wochen ihre Strategien zum Abschied von fossilen Brennstoffen ausrollte, ließ man sich in der Konzernzentrale in Stuttgart offenbar bewusst etwas länger Zeit. Eine knappe Woche nachdem die EU-Kommission ihre Kampagne „Fit for 55“ ausrollte, zieht man beim deutschen Premium-Marktführer nun nach. Und die Neuadaptierung jener Strategie, die bisher unter dem Namen „Ambition 2039“ eine allmähliche, stufenweise Transformation zur Elektromobilität vorsah, hat es tatsächlich in sich. Während schon bisher klar war, dass bereits kommendes Jahr in allen Segmenten – vom Kompakt-SUV bis hin zur Luxuslimousine – zumindest eine vollelektrische Variante verfügbar sein wird, erhöht sich die Taktfrequenz der technischen Innovationen in den darauffolgenden Jahren immens.

So werden bereits ab Mitte der Dekade sämtliche neuen Fahrzeug-Architekturen ausschließlich elektrisch sein. Das heißt natürlich nicht, dass man bei Mercedes ab 2025 keine neuen Fahrzeuge mit Diesel- und Benzinmotoren mehr verkaufen wird. Schließlich ist die rapide Umstellung auf batterieelektrische Fahrzeuge auf absehbare Zeit vor allem ein europäisches Phänomen. „Die Elektromobilität gewinnt an Fahrt – vor allem im Luxussegment, wo Mercedes-Benz zu Hause ist. Der Wendepunkt rückt näher und wir werden bereit sein, wenn die Märkte bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig auf Elektroautos umstellen“, formuliert es der Daimler-CEO höchst diplomatisch.

Das Ende der Verbrennungsmotoren ist eingeläutet

Trotz dieser mit Bedacht gewählten Formulierung lässt man allerdings keinen Zweifel daran, dass das Ende des Verbrennungsmotors näher rückt. Mehr als 40 Milliarden Euro an Investitionen sind im Zeitraum bis 2030 für den strategischen Schritt von „Electric first“ zu „Electric only“ fix vorgesehen. Den Anfang machen drei neue vollelektrische Fahrzeug-Architekturen, die im Jahr 2025 Premiere feiern. Die MB.EA getaufte technische Basis wird dabei alle mittelgroßen und großen Pkw der Marke abdecken und als skalierbares, modulares System die elektrische Basis des künftigen Stromer-Portfolios bilden. Bei AMG.EA handelt es sich um eine auf Spitzenleistung ausgelegte Elektroplattform, die sich an die hochperformanten Bedürfnisse der bisherigen AMG-Kunden richtet. Darunter soll ausdrücklich auch die G-Klasse fallen. Der Dinosaurier unter den Geländewagen, ein echter Dauerbrenner im Angebot der Marke, erhält als Batterie-SUV somit eine langfristige Perspektive. Für elektrische Vans und leichte Nutzfahrzeuge hebt man das System VAN.EA aus der Taufe.

Mercedes plant eigene Akku-Massenproduktion

Vergleichbar mit den Vorhaben von Mitbewerbern plant Mercedes-Benz auch den Aufbau einer eigenen Akku-Massenproduktion. Gemeinsam mit Partnern sollen weltweit acht sogenannte Gigafabriken zur Zellproduktion entstehen. Die anvisierte Gesamtkapazität von mehr als 200 Gigawattstunden soll das bereits geplante Netzwerk von neun Werken zur Produktion von Batteriesystemen ergänzen.

Wie es sich für einen Hersteller mit Premiumanspruch gehört, setzt man in Stuttgart bei den Energiespeichern nicht nur auf Masse, sondern vor allem auch auf Klasse. Geplant ist die kontinuierliche Integration der jeweils fortschrittlichsten Batteriezellen-Technologie. Im Laufe nur eines Lebenszyklus soll so die Reichweite für die Pkw und Vans der Marke um bis zu 25 Prozent steigen. In Kooperation mit dem Unternehmen SilaNano arbeitet man bereits fieberhaft an der nächsten Batteriegeneration. Neben bisher beispiellosen Reichweiten und noch kürzeren Ladezeiten sollen die Akkus von morgen auch mit deutlich geringeren Mengen des teuren Rohstoffs Lithium auskommen. Mittelfristig plant man zudem fix mit der Einführung der Feststofftechnologie.

Auch Entwicklung und Produktion von Mercedes-E-Motoren aus eigenem Haus

Wie ernst es Ola Källenius mit der tiefschürfenden Transformation seines Unternehmens meint, beweisen die Pläne, eigene Elektromotoren zu entwickeln und diese auch selbst zu produzieren. Als entscheidender Schritt gilt deshalb die Übernahme des britischen Elektromotorspezialisten Yasa. Das Start-up mit Sitz in Oxford besitzt jede Menge Expertise für die Entwicklung von Ultra-High-Performance-Axialflussmotoren, die bei gesteigerter Leistung wesentlich kompakter gebaut werden können als die bisherigen E-Motoren. Am Ende dieses Prozesses soll der gesamte Antriebsstrang inklusive Batterie, Wechselrichter und Software aus dem eigenen Haus stammen.

30.000 neue Ladestationen bis 2025

Doch auch die besten Elektroautos nützen nichts ohne eine ausreichend dichte Lade-Infrastruktur. Das weiß auch Ola Källenius. Das markeneigene Netz umfasst schon jetzt mehr als 530.000 Gleichstrom- und Wechselstrom-Ladepunkte weltweit. Bis 2025 sollen 30.000 weitere hinzukommen. Das Service Plug & Charge, das Laden ohne Registrierung und umständliche Zahlungsabwicklung an der Säule ermöglicht, startet bis Jahresende.

Mercedes Vision EQXX mit einer Reichweite von mehr als 1000 km

Einen konkreten Ausblick auf die schöne neue Elektrozukunft bietet die von Källenius in Aussicht gestellte Studie zum Vision EQXX. Dabei soll es sich um ein BEV (Battery Electric Vehicle) mit einer realen Reichweite von mehr als 1000 Kilometern handeln. Dessen Ziel ist es, einen einstelligen Verbrauchswert für Kilowattstunden pro 100 Kilometer bei normaler Geschwindigkeit auf der Autobahn zu erreichen – das entspricht einer Reichweite von annähernd zehn Kilometern pro Kilowattstunde. Die Weltpremiere des EQXX ist für 2022 geplant. Nach der Markteinführung des elektrischen S-Klasse-Pendants EQS folgt noch in diesem Jahr der EQE, quasi die E-Klasse zum Anstecken. SUV-Varianten beider Oberklasse-Limousinen sind für 2022 fix eingetaktet.

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