Die aktuelle Corona-Krise stellt vor allem das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Marius Moser, CEO von Moser Architects, spricht mit der Roadmap über den wahren Stellenwert des Krankenhauses für die Gesellschaft, die architektonischen Lehren in puncto Krankenhausbau und die Rolle der Digitalisierung.

Herr Moser, Krankenhäuser und Kliniken stellen die zentralen Orte in der Corona-Krise dar. Messehallen werden zu Lazaretten, Hotels nehmen Corona-Patienten auf und vor Manhatten hat das größte Hospitalschiff der Welt geankert. Zeigt sich jetzt der wahre Stellenwert des Krankenhauses für unsere Gesellschaft?

Durchaus. Das Krankenhaus war und ist ein wichtiger Baustein des Gemeinwesens. Bis zu viermal so viele Menschen wie die Anzahl von Betten arbeiten je nach Krankenhaustyp und Land in einem Krankenhaus. Dies gilt vor allem für universitäre Schwerpunktanlagen mit steigenden Zahlen von ambulanten Patienten und studentischem Betrieb. Nachdem das Krankenhaus in vielen Orten auch als größter Arbeitgeber gilt, potenzieren sich die Problemstellungen im wirkungsvollen Schutz für Patient und die Gesamtheit des Personals sowie einer gut funktionierenden Ver- und Entsorgungsstruktur.

Besonders zu Beginn der Corona-Krise wurde in den Medien viel über die Grenzen des Gesundheitssystems und der Gefahr eines Zusammenbruchs gesprochen. Wie schätzen Sie die Kapazitäten in Österreich ein?

Angesichts der zahlreichen Berichte, die eine mittelmäßige bis schlechte Vorbereitung des existierenden Gesundheitssystems zur Bekämpfung der Pandemie sehen wollten, kann festgehalten werden, dass das heimische System im internationalen Vergleich durchaus gut bestehen kann.

Die Covid-19-Pandemie hat durchaus die Gesundheitssysteme westlicher Länder an ihre Belastungs- und Kapazitätsgrenzen und teilweise auch deutlich darüber hinausgebracht. Dazu gilt es folgende grundlegende Statistiken zu beachten: Laut Daten der OECD lag die Versorgungsdichte mit Intensivpflegebetten sowohl in Österreich als auch in Deutschland bereits vor der Corona-Pandemie deutlich über jener der in Europa besonders stark betroffenen Länder Italien und Spanien. Ähnliches gilt auch für die Versorgungsdichte mit Normalpflegebetten. Da jedoch auch stark betroffene Länder wie die Vereinigten Staaten und Frankreich über einen hohen Versorgungsschlüssel verfügen, wird deutlich, dass grundlegende Kapazitäten nicht davor schützen, an die Belastbarkeitsgrenze des Gesundheitssystems oder darüber hinaus zu gelangen. Ein höherer Versorgungsschlüssel ist in jedem Fall von Vorteil, grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass die Kapazitäten in den westlichen Ländern ausreichend sind und es vielmehr darauf ankommt, schnellstmöglich geeignete Maßnahmen zu setzen, welche verhindern, dass die Gesundheitssysteme überhaupt erst an Ihre Grenzen gelangen.

Arch. Dipl.-Ing. Marius Moser / CEO von Moser Architects

Können Sie für den Krankenhausbereich ein paar konkrete Maßnahmen als Beispiele nennen?

Im Krankenhausbereich gehören dazu zum Beispiel das rasche Einrichten von Zugangsbeschränkungen zu den Krankenhäusern, das zügige Hochfahren der Testkapazitäten sowie eine länderübergreifend koordinierte Aufnahme von Patienten aus Nachbarländern, um im Fall der Fälle Kapazitätsengpässe zu vermeiden.

Darüber hinaus ist natürlich auch im Krankenhausbereich die Einhaltung geltender (regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren) und in Zeiten einer Pandemie verschärfter Hygienebestimmungen (Tragen von entsprechender Schutzkleidung, etc.) entscheidend für eine rasche Eindämmung der Krankheit. Das gilt nicht nur für die Zeit einer Pandemie, sondern generell für die Eindämmung von nosokomialen Infektionen insbesondere für jene, die durch multiresistente Erreger hervorgerufen werden.

Welche architektonischen Lehren können wir aus dieser herausfordernden Zeit in puncto Krankenhausbau ziehen?

Überbordendes Denken, künftige Krankenhausanlagen der höchsten Isolationsstufen zu errichten, geht am Zugang als auch an jeder volkswirtschaftlichen Betrachtung vorbei. Die bereits publizierten Vorschläge, wie z.B. 2-Bett-Zimmer mit zwei Sanitärkernen für temporäre Erfordernisse vorzuhalten, mögen sehr zukunftsorientiert erscheinen, halten aber einer Prüfung der Folgekosten als auch einer Betriebsanalyse nicht stand.

Aus planerisch-architektonischer Sicht ist der Trend hin zu 1-Bett-Zimmern für die PatientInnen zu bevorzugen. Das bringt in Zeiten einer Pandemie – sowie in pandemiefreien Zeiten – nicht nur die Möglichkeit einer raschen und effektiven Isolation von infektiösen PatientInnen und eine modulare Belegung innerhalb der Stationen, sondern führt auch dazu, dass geschlechtergetrennte Mehrbettzimmer obsolet werden. Somit werden auf der einen Seite eine flexible Belegung und Behandlung gewährleistet und gleichzeitig der Komfort für die PatientInnen wesentlich erhöht.

Experten sprechen davon, dass Pandemien, wie wir sie derzeit erleben, in Zukunft häufiger auf uns zukommen könnten. Muss daher im Krankenhausbau vermehrt in den Bereich Modulbau investiert werden, um im Notfall schnell reagieren zu können und weitere wichtige Kapazitäten on point zu generieren?

In Zeiten einer Pandemie liegt der Gedanke nahe, dass modulare Krankenhausbauten einen wesentlichen Beitrag zur raschen Kapazitätserhöhung im Bedarfsfall leisten könnten. Das gilt jedoch nur für den Fall, dass diese Modulbauten innerhalb weniger Tage errichtet und betriebsbereit hergestellt werden, was aufgrund der notwendigen und nach Bedarf geplanten Installationen (Haustechnik, Elektrotechnik, Informationstechnik, etc.) nicht ohne qualitative Einbußen möglich ist und durch die „social distancing“-Maßnahmen (gelten auch für Bauvorhaben) in Pandemiezeiten zusätzlich erschwert wird. Daher sind technisch schnell realisierbare Lösungen zu bevorzugen.

Wie könnten diese schnell realisierbaren Lösungen aussehen?

Ein wichtiger Punkt dabei ist beispielsweise, dass einzelne Bereiche zügig voneinander getrennt werden können. Dies ist derzeit bereits mittels Brandschutztüren realisierbar und könnte mit der Schaffung von modular herstellbaren Schleusen im Bereich dieser Brandschutztüren, rasch und kostengünstig optimiert werden.

Die Ver- und Entsorgungskreisläufe sollten durch bereits gebaute Schleusensysteme für Material und Personal im Krisenfall innerhalb weniger Stunden auf geänderte Anforderungen adaptiert werden können. Dies gilt neben geänderten Verkehrsströmen auch für die mögliche zonenweise Umschaltbarkeit der technischen Infrastruktur. Vorgenannte Anmerkungen sollten als Standards im künftigen Krankenhausbau Eingang finden – Nicht mit dem Terminus „Pandemiekrankenhaus“ behaftet, sondern als wandelbare Struktur, die den höchsten Anforderungen gerecht wird. Dies kann und sollte auch bei kritischer Betrachtung erhöhter Investitionskosten als vorbeugender Impuls dienen.

Welche Rolle spielt im Kampf gegen eine Pandemie insbesondere die Digitalisierung im Krankenhaus?

 Die Digitalisierung im Krankenhaus hat eine zentrale Bedeutung, aber auch hier gibt es noch Luft nach oben. Die Vernetzung der einzelnen Gesundheitseinrichtungen, sowohl im intra- als auch im extramuralen Bereich, muss stark verbessert werden – natürlich unter Einhaltung sämtlicher Datenschutzbestimmungen, da die Patientendatensicherheit zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein muss. Entsprechende Daten sind derzeit bereits über das ELGA-System vorhanden und die PatientInnen können über das sogenannte „opt-out System“ über die Zurverfügungstellung selbst entscheiden. Das Vorhandensein durchgängiger Daten, welche eine bestmögliche Behandlung gewährleisten würden, scheitert jedoch nach wie vor an der oftmals unzureichenden Ausstattung und der lückenhaften Dateneingabe, insbesondere im niedergelassenen Bereich. Hier sind in jedem Fall Verbesserungen vonnöten, um die Daten in Zukunft bestmöglich zum Wohl der PatientInnen nutzen zu können.

In der Regel geht ein Krankenhausbau immer mit einer mehrjährigen Planung einher. Welche Rahmenbedingungen müssen – auch auf politischer Ebene – getroffen werden, um im Notfall schneller agieren zu können?

Bezogen auf die Krankenhausplanung werden die zeitintensiven und oftmals mehrjährigen Planungsprozesse nur bedingt beschleunigt werden können. Wesentlicher ist es, in Krisenzeiten wie der Covid-19-Pandemie unverzüglich zusätzliche Kapazitäten für Quarantäne-Maßnahmen bzw. leichte Fälle zu schaffen. Hierzu gehören unter anderem Lazarette wie in den Räumlichkeiten der Messe Wien. Solche Kapazitäten können zügig und unbürokratisch geschaffen und nach Überstehen der Krise auch ebenso schnell wieder rückgebaut werden.

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