Die Frage, wie Fassadenbegrünung dauerhaft in das Stadtbild von Smart-Cities integriert werden kann, wird von verschiedenen Initiativen motiviert verfolgt. Eine davon ist „50 grüne Häuser“, welche mit ihrem einfach anzuwendenden Grünfassadensystem „BeRTA“ für nahezu jedes Gebäude einen wertvollen Beitrag für die Begrünung der Stadt leisten. Im Interview mit der Roadmap 2050 mit Julia Beck von „50 grüne Häuser“ über die Möglichkeiten für Gebäudebegrünung, die Umsetzbarkeit an Häusern und die politischen Maßnahmen der Stadt für eine klimagerechte Stadtplanung.

Austrian Roadmap 2050: Wien und andere Städte bieten viele Möglichkeiten für Gebäudebegrünung. Welches Potential sehen Sie hier in Wien und Österreich?

Julia Beck, Projektmitarbeiterin bei „50 grüne Häuser“ © BeRTA

Julia Beck: Das bauliche Potential ist enorm – es gibt fast keine Fassade, die sich nicht begrünen lässt. Die Leistungen von Grünfassaden reichen von der Kühlung der Umgebungstemperatur – gefühlt um bis zu 13 Grad Celsius – über einen wertvollen Beitrag zur Biodiversität, bis zu positiven Auswirkungen auf die Wohnzufriedenheit und Gesundheit der Bewohner*innen.

Damit Begrünungen aber auch umgesetzt werden, gilt es, bestehende rechtliche und organisatorische Barrieren für die Realisierung weiter abzubauen. In Wien ist uns das in den vergangenen Jahren mit dem Projekt „50 Grüne Häuser“ beispielhaft gelungen. Daraus ist das einfach anzuwendende Grünfassadensystem „BeRTA“ entstanden, eine Trog-Lösung aus Profi-Komponenten, die sich für nahezu jeden Anwendungsfall eignet: Für Altbau genauso wie für Neubau, und sowohl straßenseitig am Gehsteig, als auch zur Begrünung von Innenhöfen. In Wien entstehen gerade laufend neue BeRTA-Projekte. Demnächst wird das System mit Unterstützung des Klimafonds und des Österreichischen Städtebundes auf ganz Österreich ausgerollt; in dreizehn weiteren Städten sollen noch im Jahr 2022 entsprechende Begrünungen realisiert werden. Eine Selbstbau-Variante für den Privatgrund ist zudem jetzt schon für ganz Österreich verfügbar unter www.berta-modul.at

ARM2050: Wie kann Fassadenbegrünung dauerhaft in das Stadtbild von Smart-Cities integriert werden?

JB:  Die wertvollen Leistungen von Grünfassaden machen sie zu einer wichtigen Ergänzung für Smart Cities. Es gibt drei Arten von Fassadenbegrünungen: Bodengebundene, wo die Pflanzen direkt im Erdreich wachsen; troggebundene, wie BeRTA, bei denen die Pflanzen aus Gefäßen wachsen, die am Boden stehen; und wandgebundene, bei denen die Pflanzgefäße an der Wand montiert werden. Je nach baulichen Voraussetzungen können eine oder mehrere davon zur Anwendung kommen. Für Private sind wandgebundene Systeme häufig zu high-tech und zu teuer, eine bodengebundene Variante ist oft nicht möglich, weil die Flächen versiegelt sind und Leitungen darunter verlaufen. In so einem Fall bieten sich Pflanztröge an, und wer hier auf ein professionelles System wie BeRTA zurückgreifen möchte, profitiert in Wien zudem von einer umfassenden Förderung, von derzeit bis zu 6.880,- Euro. Um die Förderung zu erhalten muss man aber auch mindestens 15 Jahre lang die Begrünung sicherstellen. Daher ist es wichtig, auf langlebige Profi-Lösungen zu vertrauen.

Für die Dauerhaftigkeit ist es auch wichtig, die Frage der Pflege zu klären. Bei der Trog-Lösung BeRTA kann man händisch gießen – etwa einmal pro Woche – oder eine automatische Bewässerung installieren. Einmal jährlich sollten Profis einen Blick auf die Pflanzen werfen und sie ggf. zurückschneiden.

ARM2050: Welche Voraussetzungen sind notwendig, um Häuser effizient begrünen zu lassen?

JB:  Für eine straßenseitige Begrünung waren früher in Wien Genehmigungen von bis zu sieben verschiedenen Stellen erforderlich. Die Vereinfachung dieser Prozesse war eine der wesentlichsten Triebfedern für unser Projekt „50 grüne Häuser“. Mit BeRTA haben Begrünungswillige mit dem BeRTA-Team nur mehr einen einzigen Ansprechpartner. Die konkreten baulichen Voraussetzungen und individuellen Wünsche werden bei einem persönlichen Vor-Ort-Team besprochen.

Eine weitere wesentliche Voraussetzung bei Mehrparteien-Immobilien ist die Zustimmung der (Mit-)Eigentümer*innen: Nach Ansicht der Rechts-Expert*innen der Stadt Wien ist für die Umsetzung einer BeRTA-Grünfassade die Zustimmung von mehr als 50 % der Eigentümer*innen (nach Eigentums-Anteilen) ausreichend. Bei anderen Systemen, die nicht so einfach – auch temporär – entfernt werden können, ist eine Einstimmigkeit aller (!) Eigentümer*innen notwendig, was bei komplexen Eigentümer*innenstrukturen fast nicht erreichbar ist.

Die BeRTA Trog-Lösung im Querschnitt © BeRTA

ARM2050: Ist Fassadenbegrünung an so gut wie allen Häusern umsetzbar?

JB: Baulich gibt es kaum Gründe, warum man nicht begrünen kann. Lediglich, wenn unmittelbar eine Fassadensanierung ansteht, macht es Sinn, zuerst zu sanieren und das Begrünungsvorhaben danach umzusetzen. Durch die große Vielfalt von Pflanzen ist an jedem Standort eine langlebige Begrünung möglich – egal, welches Mikroklima und welche Himmelsrichtung.

ARM2050: Welche politischen Maßnahmen müssen getroffen werden, um das Thema Fassadenbegrünung und klimagerechte Stadtplanung besser voranzutreiben?

JB: Bei Umgestaltung von öffentlichen Orten geht die öffentliche Hand schon häufig mit gutem Beispiel voran. Viele Private möchten auch ihren Beitrag leisten. Hier könnten sich einige Städte und Gemeinden ein Vorbild an der Stadt Wien nehmen und finanzielle Förderungen für Grünfassaden und weitere klimawirksame Maßnahmen einführen bzw. ausbauen. Auch der Abbau von regulativen Barrieren ist wichtig.

ARM2050: Denken Sie, eine autofreie Stadt mit Wohlfühloasen ist in den kommenden Jahren ein realistisches Ziel?

JB: Jein: Das Interesse an Grünfassaden steigt laufend, bei der Vergabe der ersten 50 BeRTA-Prototypen haben wir über 700 Interessensbekundungen erhalten. Bei aktuellen Umgestaltungen von Straßen und Plätzen wird auch immer mehr Wert auf die klimagerechte Gestaltung gelegt. Dennoch sind noch viele Maßnahmen erforderlich, um unsere Städte effektiv an den Klimawandel anzupassen. Einfache und breitenwirksame Lösungen wie BeRTA leisten einen wertvollen Beitrag dazu, damit der Wunsch auch Realität wird.

Nahezu überall anbringbar – die BERTA Trog-Lösung. © BeRTA

ARM2050: Was können Unternehmen und Gesellschaft tun, um diese Themen stärker in den Fokus zu rücken?

JB: Nicht zu viel reden, sondern einfach tun! Also beispielsweise ein Lastenrad anschaffen, eine Baumscheibe „adoptieren“ und pflegen, oder eben eine Fassadenbegrünung umsetzen. Für viele Unternehmen ist das eine Möglichkeit, ihr nachhaltiges Engagement auch im öffentlichen Raum zu zeigen. Für Lastenräder, Grätzeloasen, Photovoltaik, oder eben auch Fassadenbegrünungen gibt es umfassende Förderungen der Stadt Wien. Je stärker diese nachgefragt werden, desto mehr ist die öffentliche Hand auch angehalten, diese Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen.

ARM2050: Ist es rechtlich möglich, Fassadenbegrünung am eigenen Wohnhaus vorzunehmen?

JB:  Ja, mit der Zustimmung der Eigentümer*innen ist das möglich. Als Mieter*in hat man keine direkte Handhabe, hier hilft nur der Weg über die Hausverwaltung oder den / die Eigentümer*in. Nach Ansicht der Rechts-Expert*innen der Stadt Wien reicht die Zustimmung von mehr als 50 % der Eigentümer*innen für die Umsetzungen von troggebundenen Fassadenbegrünungen, sofern diese (wie die BeRTA-Grünfassade) nicht baulich mit dem Gebäude verbunden und somit jederzeit leicht entfernbar sind.

Für einen ersten Vor-Ort-Beratungstermin ist aber noch keine solche Zustimmung notwendig – dieser kann durch die Hausverwaltung oder einzelne Eigentümer*innen initiiert werden. Mit einer entsprechenden Beratung und Visualisierung fällt es dann auch leichter, weitere Eigentümer*innen von dem Begrünungsvorhaben zu überzeugen, um schon bald das Summen der Bienen, den Duft der Blüten und die angenehme Kühle der eigenen Begrünung zu genießen.

Weitere Infos finden Sie unter: www.berta-modul.at

ARM2050: Herzlichen Dank für das spannende Interview!

(29. März 2022, Sandra Beck)

Über Julia Beck von „50 grüne Häuser“:

Julia Beck, Studium der Architektur und Architekturvermittlung, seit 2015 Projektmanagement bei tatwort Nachhaltige Projekte GmbH; Projektmitarbeit bei 50 Grüne Häuser“, Expertise speziell in den Themenfeldern Stadtentwicklung, nachhaltige Architektur, Kommunikation und Partizipation.

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