„ESG“ und „Nachhaltigkeit“ sind Begriffe, die seit einiger Zeit omnipräsent sind. Eine besondere Bedeutung kommt dem Finanzsektor für die nachhaltige Transformation zu. Warum gerade die Finanzbranche und was kann sie beitragen?

Jede Branche muss grüner und nachhaltiger werden. Der Finanzdienstleistungssektor befindet sich als wichtiger Pfeiler der Volkswirtschaften und Gesellschaft in einer einzigartigen Position. Es muss sich nicht nur die Arbeitsweise innerhalb des Sektors ändern, um nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln, sondern der Sektor selbst spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung und Risikominderung des Übergangs zur Klimaneutralität.

Der Finanzsektor als Führungsrolle der Lösung

Wenn der Finanzsektor die Initiative im Bereich der Nachhaltigkeit ergreift und eine echte Führungsrolle übernimmt, kann sich sein Ansehen verändern – bei Verbrauchern, Regulierungsbehörden sowie bestehenden und potenziellen Mitarbeitern. Es bietet sich die Möglichkeit, die Finanzdienstleistungen grundlegend neu zu positionieren, weg von der Rolle als Teil des Problems, hin zur Führungsrolle bei der Lösung. “Dem Finanzsektor kommt eine besondere Bedeutung in Bezug auf die nachhaltige Transformation zu. Zum einen muss die Industrie ihr Geschäftsmodell Richtung Nachhaltigkeit ändern, zum anderen ist sie auch jene Industrie, die das Kapital für nachhaltige Investitionen zur Verfügung stellt”, so Raffaela Ritter Head of Financial Services DACH & EE bei Arthur D. Little.

“ESG muss als Chance gesehen werden, das eigene Wertschöpfungspotenzial zu steigern“

v.l. Principal of Financial Services Georg von Pföstl und Head of Financial Services DACH & EE Raffaela Ritter bei Arthur D. Little © Arthur D. Little

Doch trotz des enormen Interesses an Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG) befindet sich die Mehrheit der Finanzdienstleistungsunternehmen noch immer in einem passiven, reaktiven Modus. Viele sehen die zunehmenden umweltrechtlichen Anforderungen als Kosten, die es zu bewältigen-, und nicht als Chance, die es zu ergreifen gilt. Principal of Financial Services bei Arthur D. Little Georg von Pföstl erklärt: “ESG muss als Chance gesehen werden, das eigene Wertschöpfungspotenzial zu steigern. Dies erfordert einen Paradigmenwechsel weg von einem kurzfristig orientierten Shareholder-Rendite-Ansatz hin zu einem mittel- und langfristigen Shareholder-Value-Ansatz.”

Denn viele Unternehmen rühmen sich zwar damit, umweltfreundlich zu sein, erreichen dies aber oft durch den Ausgleich bestehender Aktivitäten – das Pflanzen von Bäumen, den Kauf von CO₂-Zertifikaten und die Zahlung von Geldbußen – anstatt ihre Geschäftsmodelle zu ändern. Andere Branchen haben durchaus einen Vorsprung gegenüber dem Finanzsektor in puncto Nachhaltigkeit. “Durch den öffentlichen Diskurs und Druck von Investoren und Stakeholdern ist dieser Sektor in eine offensive Nachhaltigkeitskommunikation übergegangen. Wenn den Bekenntnissen jedoch keine Taten folgen, läuft man Gefahr, Greenwashing zu betreiben”, so von Pföstl weiter.

Der Appell ist neben langfristigen auch kurz- und mittelfristige Ziele zu setzen

Wie können die Akteure diesen Wandel vollziehen und eine nachhaltige Zukunft für sich und den Planeten gestalten? Um relevant zu bleiben und einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen, müssen Banken, Versicherer und Vermögensverwalter von einer passiven Position zu einem aktiven Gestalter der grünen, nachhaltigen Zukunft werden. Auf der COP26-Konferenz wurde eine Reihe von Initiativen und Plänen angekündigt. Mehr als 90 Prozent der weltweiten Emissionen sind nun durch Netto-Null-Verpflichtungen abgedeckt.

“Die Bekenntnisse aus dem Bankensektor zu einem verantwortungsvollen Handeln und Net-Zero in Form von Prinzipien und Allianzen, wie die UN-Principles for Responsible Banking oder die Glasgow Financial Alliance for Net Zero sind da. Unser Appell ist jedoch nicht nur langfristige Ziele zu setzen, sondern auch konkrete kurz- und mittelfristige Meilensteine und Maßnahmen zu implementieren”, so Ritter. Andernfalls laufen die traditionellen Akteure Gefahr, von neuen ESG-orientierten Marktteilnehmern überflügelt zu werden.

Den Finanzdienstleistern läuft die Zeit davon, diesen grundlegenden Wandel zu vollziehen. Raffaela Ritter empfiehlt den Finanzinstituten auch den Bildungsauftrag gegenüber Unternehmen und Privatkunden nicht außer Acht zu lassen – Stichwort Financial Literacy, und sie auf ihrer ESG-Reise zu begleiten und aktiv partizipieren zu lassen.

Die Auswirkungen der aktuellen Energiekrise sind in Bezug auf die Finanzbranche noch nicht umfänglich abschätzbar. Sie kann aber in der Tat einen Einfluss auf das Investitionsverhalten von Finanzinstituten nehmen. “Es ist durchaus vorstellbar, dass die Sorge um die Versorgungssicherheit zu einer Beschleunigung der Investitionen in erneuerbare Energien führt”, so von Pföstl abschließend.

Das Gespräch mit Raffaela Ritter und Georg von Pföstl in voller Länge
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