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Mobilitätszukunft kommt, aber anders

Der Mobilitätsexperte Dr. Michael Bobik gibt einen Einblick wie die Mobilitätsstruktur 2050 aussehen könnte, welche Trends uns bis dorthin begleiten und was für Herausforderungen es zu bewältigen gilt.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends am Weg ins Jahr 2050?

Dr. Michael Bobik: Der wichtigste Treiber ist ganz sicher, dass der heutige Individualverkehr aus Gründen der Luftreinhaltung und der Überbelegung der Straßen nicht mehr wachsen darf, sondern im Sinne der Lebensqualität sinken muss. Wie weit dies auf den Güterverkehr ebenso zutrifft, ist eine getrennte Frage, aber noch herausfordernder, in mehrfacher Hinsicht. Die Gründe sind bekannt: Luftverschmutzung, Energiewandel, Stress, Verselbstständigung einer Wachstumsmotorik unserer Anspruchsgesellschaft. Was sich aus diesen Treibern an Trends ergibt, ist eher eine Frage der verfügbaren Gegenmittel, denn die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und die Bereitschaft, bessere Lösungen anzunehmen, ist inzwischen ausreichend groß.

Der wichtigste Treiber ist ganz sicher, dass der heutige Individualverkehr aus Gründen der Luftreinhaltung und der Überbelegung der Straßen nicht mehr wachsen darf, sondern im Sinne der Lebensqualität sinken muss.

Wird autonomes Fahren mit elektrisch betriebenen Autos diese Probleme lösen?

Ich glaube, nicht so schnell. Der große Engpass beim autonomen Fahren ist das SLAM-Problem auf unbekannten Straßen, „Simultaneous Localization and Mapping“, also für das Fahrzeug die Frage „wo bin ich und was ist das da vor mir?“. Bei der visuellen Umgebungserkennung strömen über 200 Millionen bits pro Sekunde an die fahrzeuginterne Datenverarbeitung, die bald an ihre Grenzen stößt. Man steht dann vor der Grundsatzentscheidung: Genau genug – oder schnell genug? Da man nicht in Kauf nehmen will, dass das Fahrzeug, weil es noch „nachdenken“ muss, einfach auf offener Straße stehen bleibt, muss man eben mit Hilfe komplexer Abkürzungsalgorithmen auf Genauigkeit verzichten, mit allen möglichen Ausrutschern, die damit verbunden sind. Das menschliche Gehirn ist noch sehr, sehr lange besser und schneller in der Situationsabschätzung. Und bei der höchst wünschenswerten Elektromobilität ist zumindest noch die Frage ungeklärt, ob wir überhaupt genügend Lithium für eine flächendeckende Versorgung haben. Ob es eine geringere politische Abhängigkeit als beim Erdöl bedeuten würde, wenn doch über 85% der heute bekannten Vorkommen in nur 5 Ländern der Welt liegen?

Sehen Sie optimistisch oder pessimistisch in die Mobilitätszukunft?

Der unverzichtbare Vorteil der derzeitigen Stimmung ist die positive Erwartung an die Zukunft. Sie treibt die Entwicklung voran. Aber dann muss auch gleichzeitig die Frage beantwortet werden: Wird die Durchsetzung autonomen Verkehrs überhaupt die Verkehrsdichte verringern? Wir haben bei einer Befragung in einem Projekt gesehen, dass Pendler fast nur dann gerne vom Auto auf öffentlichen Verkehr umsteigen, wenn am Ziel ein großer Mangel an Parkplätzen herrscht, und die Bequemlichkeit des eigenen Fahrzeuges durch die Unsicherheit, wie lange man einen Abstellplatz suchen muss, aufgehoben wird. Wenn das Auto sich aber nach Ankunft beliebig lange alleine einen Parkplatz suchen kann, fällt diese Lästigkeit weg. Dann fährt man wieder mit dem selbstfahrenden Auto statt mit dem Zug, und der Verkehr wird mehr statt weniger.

Was könnte die Lösung sein?

Ohne eine deutliche Verschiebung des Modal Splits vom Individualverkehr auf öffentliche Verkehrsmittel (oder auch zu Fuß gehen) wird es nicht gehen. Natürlich müssen diese Verkehrsmittel noch stark an Bequemlichkeit gewinnen, da haben die Verkehrsunternehmen noch eine große Aufgabe. Immerhin ist z.B. die ÖBB dazu auf einem guten Weg. Und fürs zu Fuß Gehen muss es viel attraktivere und gefahrlose Wege geben, nicht nur am Berg, sondern quer durch die Stadt.

Der unverzichtbare Vorteil der derzeitigen Stimmung ist die positive Erwartung an die Zukunft.

Das klingt fast zu einfach….

Das klingt harmlos und konfliktfrei, ist es aber wegen folgender Vorbedingung ganz und gar nicht: Damit ein wirtschaftlicher öffentlicher Verkehr möglich ist, muss ein Mindestgrad an Linien- und Zentralsiedlungsstruktur bestehen, also eine Mindest-Urbanisierung. Jammern über verlassene Dörfer ohne regelmäßigen Linienbus verkennt Ursache und Wirkung. Eine Energieraumplanung, die auch umfasst, dass niemand zum täglichen Benutzen eines eigenen Autos gezwungen ist, muss zu allererst zersiedelte Strukturen verhindern, am besten sogar rückgängig machen. Das erfordert sehr mutige Politik, ist aber ein Punkt, ohne den keine noch so visionäre technische Entwicklung Wunder wirken kann.

Wie sehen Sie die Entwicklung längerfristig, also mit Horizont 2050?

Ich versuche einmal eine realistische Vision, wie ich mir die mobile Gesellschaft in längerem zeitlichem Abstand wünschen würde. Erstens sollte die Siedlungsstruktur in einigen Jahrzehnten viel konzentrierter werden, sodass öffentlicher Verkehr in wirtschaftlicher Weise und elektrisch angetrieben alle Bürger jederzeit erreicht. Wir werden dann auch wieder trotz Bevölkerungswachstum zwischen den Ballungsgebieten Bewegungsfreiheit bekommen zum Fußweg oder zum Wandern, ohne laufend Autos durch einen rettenden Sprung ausweichen zu müssen oder vor „Durchgang-verboten“-Schildern zu stehen. Den Einkauf erledigen wir noch immer zum größeren Teil selbst, die Waren werden aber nach Eingabe einer Liste vor dem nahen Geschäft in einen kleinen Lastträger verladen, den wir den kurzen Weg nach Hause bringen lassen. Die Hauptarterien werden Bahnen sein, die fahrerlos die Ballungsgebiete mit 250 km/h alle Viertelstunden verbinden. Der Flugverkehr wird sich auf die Langstrecken beschränken. Wer sich den absoluten Luxus eines Einfamilienhauses fern von Hauptstrecken leisten will, muss sehr kräftig dafür zahlen.

Die Hauptarterien werden Bahnen sein, die fahrerlos die Ballungsgebiete mit 250 km/h alle Viertelstunden verbinden.

Zweitens werden wir nach wie vor selber Autos lenken, aber seltener und eine Reihe unmerkbarer Assistenzsysteme gegen Kollisionen oder Aquaplaning etc. werden uns mehr als die Hälfte der Arbeit abnehmen, nicht aber das Denken. Da auf diesem Gebiet weltweit intensiv geforscht wird, könnte es kostengünstige Akkus mit langer Reichweite und kurzer Ladezeit geben, und erst damit setzt sich die Elektromobilität durch. Wir werden einen gewissen Klimawandel nicht mehr aufhalten können, aber nach allen Prognosen sollte sich das auf Österreich nicht katastrophal auswirken, wenn wir nur gegen Starkregenereignisse und für angepasste Forstwirtschaft rechtzeitig Vorsorge treffen.

Unterirdische Güterverbindungen wird es sehr wenige und nur zwischen Hauptstädten geben, da das gerade in einem nicht so flachen Land nach wie vor viel zu teuer und schwer durchsetzbar sein wird. Aber außer auf Kurzstrecken wird es nur mehr automatisierte Container verschiedener Größe geben, die beliebig zwischen Verkehrsträgern umladbar und automatisch entladbar sind und immer selbst wissen, wohin sie als nächstes müssen.

 

Welche Ermöglichungsschritte muss die Politik leisten, um diese Visionen verwirklichen zu können?

Die Politik muss sehr wenig tun im Rahmen des technischen Fortschrittes und bei der Entwicklung von Produkten, da der Antrieb dazu ohnehin aus den Unternehmen und der Gesellschaft kommt. Sie muss als ihre Hauptaufgabe aber immer dem Gemeinwohl vor jeglichem persönlichen, regionalpolitischen oder parteilichen Einzelinteresse strikten Vorrang freischaufeln. Sie muss daher dafür sorgen, dass zum nachhaltigen Wohle der österreichischen Gesellschaft nachhaltige Infrastruktur unverzögert hergestellt werden kann, und nicht durch lokale Anrainerinteressen verhindert wird. Das ist übrigens seit Kaisers Zeit beim Eisenbahnbau weitgehend gegeben, aber wie man leider an der unsäglichen Verzögerung des Semmeringtunnels durch Einsprüche aus weit entfernten Bundesländern sieht, nicht gesichert. Sie muss aufgehende Pflänzchen erkennen und gegebenenfalls durch Investitions- bzw. Risikobeteiligung dafür sorgen, dass Pilotinstallationen umgesetzt werden. Und, um mich zu wiederholen, die Politik muss sich unbeliebt machen durch eine weit restriktivere Raumordnung, vor allem in der Fläche.

Dr. Michael Bobik

legte den Grundstein seiner Karriere im internationalen Energie- und Umwelttechnikanlagenbau. Anschliessend war er im Hochschulbereich u.a. als Gründer und Leiter der Studiengänge “Energie-, Verkehrs- und Umweltmanagement” und „Energy & Transport Management“ der FH JOANNEUM tätig.