Drohnen sind dem Spielzeugstadium schon längst entwachsen. Durch ihre unterschiedliche Bauart und Größe können sie verschiedenste Aufgaben übernehmen – auch im medizinischen Bereich

Durch die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, die Drohnen bieten, ist es naheliegend, diese Technologie auch für die Arbeit von Rettungsorganisationen wie der Feuerwehr, dem Roten Kreuz oder der Bergrettung zu nutzen. Ganz im Sinne ihrer Vision, die Notfallrettung kontinuierlich weiterzuentwickeln und die Zukunft des Gesundheitswesens mitzugestalten, setzt sich die ÖAMTC-Flugrettung seit einiger Zeit intensiv mit dieser Thematik auseinander. Benjamin Hetzendorfer, Drone Manager der ÖAMTC-Flugrettung, im Gespräch über neue innovative Lösungsansätze.

Austrian Roadmap2050: Anfang dieses Jahres wurde im Bereich Research und Development der ÖAMTC-Flugrettung eine neue Stelle eingerichtet, die sich mit dem Einsatz von sogenannten „medical drones“ auseinandersetzt. Wie ist es eigentlich dazu gekommen und was kann man sich darunter vorstellen?

Benjamin Hetzendorfer: Der ÖAMTC setzt sich bereits seit fünf Jahren intensiv mit dem Thema Drohnen auseinander. Bisher ging es dabei vor allem um Sensibilisierung, Aufklärung und vor allem Sicherheit. Die Drohnen-Trainings sowie die umfassende Drohnen-Info-App des ÖAMTC haben mit Sicherheit einiges zur Bewusstseinsbildung unter Drohnenpilot:innen beigetragen. Nun war es aber an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen, der darin besteht, die unbemannte Luftfahrt sicher in den bestehenden Luftraum zu integrieren sowie neue Einsatzmöglichkeiten für Drohnen im Sinne der Patient:innen zu finden.

Die Idee ist, künftig medizinische Infrastruktureinrichtungen mit Prioritätsfracht Blutkonserven, seltenen Medikamenten, Laborproben, Ausrüstung – rasch und kostengünstig zu versorgen. Wir sehen unbemannte Luftfahrzeuge nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung zu unseren Notarzthubschraubern. Ein wesentlicher Punkt ist daher auch das Miteinander des Drohnenflugbetriebs mit dem Hubschrauberflugbetrieb von und zu Krankenhäusern und Stützpunkten.

Benjamin Hetzendorfer ist Drohnenexperte und seit Februar 2022 zuständig für den Bereich Drone Operation & Protection © ÖAMTC/Post

ARM2050: Wie schätzt du eigentlich das Potenzial für eine derartige Verwendung von Drohnen ein und was ist deiner Meinung nach die naheliegendste Einsatzmöglichkeit für Drohnen?

BH: Das Potenzial ist tatsächlich riesig und vor allem zeitkritische Anwendungen können vom luftgebundenen Transport profitieren. Aus technischer Sicht wäre es heute schon möglich, medizinische Güter 50 bis 100 Kilometer autonom zu transportieren.

Allerdings gelten in der Luftfahrt natürlich höchste Sicherheitsstandards – bis zu einer sicheren Integration solcher Systeme in den Luftverkehr wird es also noch etwas dauern.Abgesehen davon nutzen auch in Österreich viele Rettungsorganisationen bereits erfolgreich Drohnen, vorwiegend jedoch zur Personensuche.

ARM2050: Betritt die ÖAMTC-Flugrettung mit ihrem Engagement völliges Neuland oder gibt es bereits international erfolgreiche Projekte, an denen man sich orientieren kann?

BH: Seit 2016 gibt es in Ruanda ein Projekt, im Zuge dessen die medizinische Versorgung mit über 100.000 Drohnenlieferungen signifikant verbessert werden konnte. Bereits über 75 Prozent der Blutkonserven werden dort per Drohne zugestellt. Doch auch in Europa tut sich einiges. Der niederländische Schwesterclub des ÖAMTC arbeitet bereits seit Jahren an einem „medical drone service“ und will schon nächstes Jahr damit in den Regelbetrieb gehen.

Auch die ADAC Luftrettung plant, in wenigen Jahren Notärzte per manntragendem Multikopter bei Notfällen an den Einsatzort zu fliegen. Und in Schweden konnte Anfang dieses Jahres ein Mann mit einem Defibrillator, der mit einer Drohne kam, wieder ins Leben zurückgeholt werden.

ARM2050: Wie kann man sich das Medical Drone Projekt der ÖAMTC-Flugrettung jetzt konkret vorstellen?

BH: Gemeinsam mit dem niederösterreichischen Startup APELEON arbeitet die ÖAMTC-Flugrettung bereits intensiv an der Umsetzung der Idee eines Medical Drone Services in Österreich. APELEON verfügt über viel Erfahrung bezüglich der Konzeption und Konstruktion unbemannter Luftfahrzeuge. Die eigens entwickelte vollelektrische Drohne kann emissionsfrei betrieben werden. Die großen, durch Elektromotoren angetriebenen Propeller erlauben zudem einen leisen Betrieb.

Die Drohne verfügt einerseits über die Fähigkeit senkrecht zu starten und zu landen, was es erlaubt, die Infrastruktur am Boden auf ein Minimum zu reduzieren. Andererseits ermöglichen die Tragflächen wiederum einen effizienten Reiseflug. Wir sind überzeugt, dass die Kombination aus hoher Reichweite (max. 150 km) mit hoher Nutzlast (max. 10 kg) uns zahlreiche neue Anwendungsfälle eröffnen wird.

Für die Transportflüge soll eine in Niederösterreich erdachte und entwickelte Drohne von APELEON zum Einsatz kommen. © ÖAMTC

ARM2050: Das Thema Sicherheit im Luftraum ist gerade für die ÖAMTC-Flugrettung wesentlich. Wie schaut es diesbezüglich mit den europaweiten Regulativen aus und was muss aus deiner Sicht regulatorisch noch passieren, damit Drohnen in vollem Umfang und sicher im Gesundheitswesen eingesetzt werden können?

BH: Wie immer lautet die oberste Devise „Safety first“. Das heißt, es wird keine Drohne der ÖAMTC-Flugrettung starten, die nicht unseren generell hohen Sicherheitsstandards entspricht. Es geht darum, das Risiko für andere Luftfahrtteilnehmer:innen sowie Unbeteiligte am Boden zu minimieren. Anfang vergangenen Jahres wurden zudem die Drohnengesetze in Europa harmonisiert. Auch wenn der Drohnenboom im privaten Bereich der-zeit etwas nachlässt, werden gewerbliche Anwendungen immer wichtiger. An den rechtlichen Rahmenbedingungen – vor allem auf europäischer Ebene – wird derzeit noch gearbeitet.

Ein Schwerpunkt der EU-Drohnenstrategie für 2030 sieht auch den Medikamententransport per Drohne vor. Wesentliche Kriterien sind die Größe der Drohne und der Besiedlungsgrad – Lieferungen mit wenigen Kilo Nutzlast in dünn besiedelten Regionen wird es sicher früher geben als Personentransporte über größeren Städten – bis dahin werden wohl noch einige Jahre vergehen.

ARM2050: Wie kann verhindert werden, dass Drohnen der bemannten Luftfahrt in die Quere kommen oder, anders gesagt, wie kann es gelingen, Drohnen sicher in die Luftfahrt zu integrieren?

BH: Eines ist klar: Es wird enger im Luftraum. Es liegt daher in der Verantwortung der Luftfahrtbehörde, die steigende Anzahl an unbemannten Fluggeräten in geordnete Bahnen zu lenken. Ab dem kommenden Jahr wird es – vorerst bei den Kontrollzonen der Verkehrsflughäfen – ein Drohnen-Verkehrsmanagementsystem geben. Über dieses kann die Behörde dann für angemeldete Flüge eine Freigabe erteilen oder die Flug-erlaubnis verweigern.

Für uns als Flugrettung ist vor allem die Kommunikation mit Drohnen anderer Rettungsorganisationen wie Rotem Kreuz, Bergrettung oder Feuerwehr bei Notfalleinsätzen besonders wichtig. Eine Erweiterung der ÖAMTC-Drohnen-Info-App ermöglicht es den Organisationen zukünftig, Flugdaten direkt auf die Displays in unsere Hubschrauber zu schicken.

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