Glacier hilft Unternehmen jeder Größe, klimafreundlicher zu agieren. Der wichtigste Erfolgsfaktor: die Mitarbeiter*innen. Wie man alle an Bord holt, welche Maßnahmen Priorität haben und warum Net Zero besser ist als Klimaneutralität, darüber spricht Glacier-Mitgründer Rainhard Fuchs im Interview mit der Austrian Roadmap 2050.

Austrian Roadmap 2050: Ihr Ziel ist es, den Klimaschutz in die DNA der Unternehmen zu bringen. Wie kann das gelingen?

Rainhard Fuchs: Klimaschutz ist eine Transformation, die nur gemeinsam geht. Wir Menschen sind aber Gewohnheitstiere, niemand mag Veränderung. Umso wichtiger ist es, die gesamte Belegschaft auf dieser Reise mitzunehmen. Es müssen nicht alle aktiv Aufgaben übernehmen, aber alle sollten an Bord sein. Mit Glacier konzentrieren wir uns daher auf den Aspekt der Mitarbeiterbegeisterung und den Bereich Corporate Education. Wir veranstalten einerseits die Climate Impact Week – eine Aktionswoche, die inspiriert, den Austausch fördert und das Thema für alle im Unternehmen greifbar macht. Andererseits lernen einzelne Mitarbeiter*innen in der Climate Ranger Academy von Expert*innen die wichtigsten Themen rund um Klimaschutz. Auch ohne Vorwissen bilden wir sie in wenigen Wochen so aus, dass sie konkrete Maßnahmen umsetzen können. Darauf aufbauend bieten wir einen tiefergehenden Kurs für Personen an, die sich mit der Nachhaltigkeitsstrategie beschäftigen. Und der Bedarf ist da, denn Nachhaltigkeitsagenden werden oft an Personen übergeben, die erstmals mit dem Thema konfrontiert sind. Wir geben ihnen das richtige Werkzeug an die Hand. Damit setzen wir dort an, wo sich der Erfolg einer Transformation entscheidet: bei den Mitarbeiter*innen.

Das Team des Wiener Start-ups Glacier © Trending Topics

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ARM2050: Welche Klimaschutzmaßnahmen spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Unternehmen klimafit zu machen?

RF: Klassisch sind das Klimaschutzmaßnahmen im Bereich Mobilität, wie das Reise- und Pendelverhalten oder der Fuhrpark, sowie im Bereich Energie. Wenn ich auf Ökostrom umstelle, heizungsregulierende Maßnahmen ergreife oder mehr mit natürlichem Licht arbeite, hat das großen Einfluss auf meinen CO2-Fußabdruck. Das alles sind sogenannte harte Maßnahmen. Was oft vergessen wird, sind die weichen Maßnahmen. Dazu gehört etwa, dass das Management der Belegschaft die Möglichkeit gibt, sich in der Arbeitszeit dem Thema Klimaschutz zu widmen. Unsere Aktionswoche ist so eine Maßnahme, mit der Unternehmen in kurzer Zeit sehr viel weiterbringen im Bereich Klimaschutz, indem sie das Bewusstsein ihrer Mitarbeiter*innen schärfen. Denn es reicht nicht, dass das Thema bei einigen wenigen angesiedelt ist. Jede*r sollte ein Basiswissen haben. Weiche Maßnahmen sind schwerer messbar, aber wesentlich für eine erfolgreiche Klimatransformation. Schlussendlich ist jeder Job ein Klima-Job und die Klimakrise wirkt sich auf alle Bereiche im Unternehmen aus, ob im HR-Bereich (war for talent), über Sales (Green Premium), Marketing (Greenwashing) bis hin zu Finance (EU-Taxonomie) und Produktion (Product Carbon Footprint).

ARM2050: Kann man bei diesen Maßnahmen von welchen sprechen, die high priority und “lower” priority besitzen?

RF: Wie Maßnahmen priorisiert werden, sollte immer von den Unternehmenszielen abhängen. Wenn sich ein Unternehmen zum Ziel setzt, in der Wertschöpfungskette unabhängiger zu werden und regional zu produzieren, dann hat diese Maßnahme hohe Priorität, auch wenn sie nicht sofort umsetzbar ist. Am wichtigsten ist aber, dass man ins Tun kommt und irgendwo beginnt. Es geht nicht darum, so viele Maßnahmen wie möglich umzusetzen. Es ist ein Weg und jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

ARM2050: Jedes Unternehmen wirbt derzeit damit, klimaneutral zu werden, was aus unserer Sicht oftmals ein bisschen undurchsichtig erscheint. Welche Herausforderungen ergeben sich dabei, wenn Unternehmen das Ziel der Klimaneutralität auf sich nehmen?

RF: Im Grunde kann praktisch kein Unternehmen aus dem Geschäftsbetrieb heraus klimaneutral sein. Es geht also darum sich anzusehen, wie sehr es sein Geschäftsmodell und seine Produkte anpassen kann, damit es klimafreundlicher agiert. Ein Bauunternehmen, das anstatt konventionellem Beton einen Beton einsetzt, der CO2 aufsaugt, kann sich innerhalb eines sehr CO2-intensiven Geschäfts hin zu einem klimafreundlichen Unternehmen entwickeln. Man muss sich die Frage stellen, was man ändern kann, um die eigenen Emissionen zu reduzieren. Den verbliebenen Rest kann man mit CO2-Zertifikaten kompensieren, um klimaneutral zu werden. Aufpassen muss man hier allerdings, auf welche Kompensations-Projekte man setzt. Klar zu bevorzugen gegenüber Projekten zur CO2-Vermeidung („avoided emissions“) sind welche, die tatsächlich CO2 aus der Luft absorbieren („carbon removal“).

ARM2050: Das Thema Greenwashing ist in aller Munde und viele Unternehmen suggerieren Klimaschutz, welcher nur halbherzig umgesetzt wird. Welche Anzeichen lassen dieses Vorgehen aus Ihrer Sicht erkennen und wie können sich Unternehmen davon abgrenzen?

RF: Schwammige Zieldefinierungen und mangelnde Transparenz sind ein klares Anzeichen von Greenwashing. Unternehmen sollten ehrlich und transparent kommunizieren. Mehrere Sessions in unserer Climate Academy zielen genau daraufhin ab, nicht in Greenwashing-Fallen zu tappen. Unternehmen geraten hier oft unbeabsichtigt in ein schiefes Licht und Weiterbildung verhindert dies. Bei der Berechnung des CO2-Fußabdrucks sollten sie alle Bereiche berücksichtigen, in denen CO2 ausgestoßen wird. In der Nachhaltigkeitsberichterstattung kann man diese Bereiche in Emissionen der Kategorie Scope 1, Scope 2 und Scope 3 unterteilen. Wenn eine Klimabilanz diese Unterscheidung nicht berücksichtigt und das Unternehmen behauptet, es sei klimaneutral ohne Angabe der in der Berechnung inkludierten Scopes, ist das höchst verdächtig. Internationale Zertifikate und Standards wie die ISO-Standards haben ebenfalls hohe Aussagekraft und Glaubwürdigkeit, passen aber auch nicht immer zu allen Unternehmen und deren derzeitigen Herausforderungen.

Die Glacier Gründer Reinhard Fuchs und Andreas Tschaus (v.l) © Glacier

ARM2050: Das Ziel vieler Unternehmen ist Klimaneutralität. Doch können Unternehmen nicht nur CO2-neutral agieren, sondern darüber hinaus auch CO2-Emissionen reduzieren?

RF: Hier muss man zwischen Klimaneutralität und Net Zero unterscheiden. Net Zero setzt voraus, dass ich meine Emissionen im ersten Schritt so weit wie möglich reduziere und erst im zweiten Schritt den verbliebenen Rest kompensiere. Um als klimaneutral zu gelten, kann ich hingegen meinen CO2-Fußabdruck auch nur kompensieren – ganz ohne den Versuch, ihn vorher zu reduzieren. Die beiden Begriffe werden allerdings oft gleichbedeutend verwendet. Es ist also im weitesten Sinne auch eine Art Greenwashing, wenn man sagt man sei klimaneutral. Viel wichtiger sollte es sein, den Fokus auf die Reduktion zu legen und Net Zero zu erreichen. Auch hier braucht es noch viel Bewusstseinsbildung.

ARM2050: Kurz und knapp: Was bedeutet eigentlich Kohlenstoffausgleich in Bezug auf Unternehmen?

RF:Dabei kauft ein Unternehmen Emissionsgutschriften, um seinen CO2-Fußabdruck zu neutralisieren. Der Kohlenstoffausgleich ist die einzige Möglichkeit, um auf Netto Null zu kommen. Voraussetzung ist aber eben, dass man Emissionen erst kompensiert, wenn man alles dafür getan hat, sie zu verringern. Denn der Kauf von Emissionsgutschriften gleicht den eigenen Fußabdruck nicht sofort aus. Kompensationsprojekte brauchen Jahre, bis Emissionen vermieden oder CO2 aufgefangen wird. Deshalb darf der Ausgleich nie an erster Stelle einer Nachhaltigkeitsstrategie stehen. Zuerst gilt es Emissionen zu vermeiden, dann zu reduzieren und zuletzt kann man sie ausgleichen.

ARM2050: Ob Großkonzern oder KMU: Ist es unterschiedlich, wie herausfordernd es ist, die Unternehmen klimafit zu machen oder ist das immer individuell? Was würden sie Unternehmen raten, die vor diesem Thema zurückschrecken? 


RF: Auf den ersten Blick mag Klimaschutz ein komplexes Thema sein. Es lässt sich aber in konkrete und einfache Schritte umsetzen. Das ist es auch, was wir Unternehmen mitgeben wollen: Sie brauchen vor dem Thema nicht zurückschrecken. Die Herausforderungen sind zwar jeweils unterschiedlich, aber für alle – egal ob KMU oder Konzern – gilt: Je mehr die Geschäftsführung und die Belegschaft aus eigenem Antrieb heraus etwas bewegen wollen, desto leichter fällt die Veränderung. Die Klimatransformation hat eine weit größere Tragweite als die digitale Transformation. Unternehmen, die offen sind für neue Geschäftsfelder und die Belegschaft mitnehmen, also die Kulturkomponente mitdenken, werden erfolgreich sein und überleben. Wer nicht bereit ist sich zu transformieren, wird vom Markt verschwinden.

ARM2050: Herzlichen Dank für das spannende Interview!

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