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In der ÖVG beschäftigen sich Experten in derzeit elf Arbeitskreisen mit aktuellen Entwicklungen in ihrem Fachgebiet.

Gute Gründe, den Sportwagen stehen zu lassen

Die Österreichische Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft (ÖVG) arbeitet als Verein aktiv an Gestaltung und Verbesserungen im Verkehrsgeschehen mit. Die ÖVG spricht über den Verkehr der Zukunft, ob es 2050 noch Individualverkehr gibt und die Notwendigkeit, den Lebensstil zu verändern.

Blicken wir ins Jahr 2050: Wie werden Sie sich fortbewegen und wie wird sich das von der heutigen Form unterscheiden?

Peter Klugar (ÖVG) Wir müssen schon heute wichtige Weichenstellungen vornehmen. Entweder man schreibt das fort, was es derzeit gibt, mit allen Umweltproblemen. Oder man nimmt eine Wende in Richtung Klimaschutz vor. Wenn man den Klimavertrag von Paris ernst nimmt, wird man meiner Meinung nach sehr massiv Änderungen vornehmen müssen. Gewisse Dinge, die heute selbstverständlich sind, wird es nicht mehr geben.

Sie sprechen das Pariser Übereinkommen an. Was halten Sie von einem möglichen Verbot von Diesel und Benzin?

Klugar Das ist ein wesentlicher Schritt, um die Ziele zu reichen. Elektromobilität wird wichtig sein, aber sie allein wird unsere Probleme nicht lösen. Man darf nicht vergessen, dass zum Beispiel 70 Prozent des Stroms in Frankreich aus Atomstrom kommt. Und in Zukunft werden laut Prognosen 70 Prozent der Bevölkerung in großen Städten leben. Zum Problem der Abgase und des CO2 kommt dann das Problem des Raumbedarfes der Fahrzeuge hinzu – hier muss der Schienenverkehr Vorrang haben.

Viele Mitglieder der Jungen ÖVG werden 2050 noch aktiv in der Infrastruktur-Branche tätig sein. Auf welche Veränderungen stellt man sich ein?

Florian Polterauer (Junge ÖVG) Nicht nur die Technologien bringen Veränderungen in der Gesellschaft, sondern die sozialen Aspekte. Man fährt immer noch 80 Minuten pro Tag, es wurde nur der Weg länger und man konnte neue Gebiete erschließen. Wir sehen ebenfalls, dass die Elektromobilität nicht das Allheilmittel ist. Es ist ein richtiger Weg, aber die Infrastruktur ist trotzdem dieselbe. Der Stau und der Verkehr werden dadurch nicht geringer.

Johannes Kehrer (Junge ÖVG) Momentan setzt man sehr auf technologische Lösungen, auch das autonome Fahren wird als Lösung und fast als Ersatz für alles andere angepriesen. Mobilität benötigt vor allem Platz – und in der Stadt ist der Platz begrenzt. Darum ist es wichtig, Mobilität auf Massenverkehrsträger zu bündeln und den Fußgeher-Verkehr, der der natürlichste und gesündeste ist, zu fördern.

Mobilität benötigt vor allem Platz – und in der Stadt ist der Platz  begrenzt.

Johannes Kehrer (Junge ÖVG)

Wird es 2050 noch den Individualverkehr mit dem eigenen Auto geben?

Klugar Verkehrsvermeidung ist notwendig. Alle technologischen Maßnahmen werden nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen, wir müssen unsere Lebensgewohnheiten ändern. Jeder Einzelne wird sich überlegen müssen, ob eine Woche Badeurlaub in Thailand angebracht ist – ohne jemandem den Urlaub zu missgönnen. Den Individualverkehr wird aber weiterhin wesentlich sein, vor allem am flachen Land sind Elektromobilität und autonomes Fahren sinnvoll und notwendig.

Autonomes Fahren und Elektromobilität sind zwei technologische Herausforderungen. Ist Österreich im Vergleich zu anderen Ländern vorbereitet?

Polterauer Würde ich mir ein Elektrofahrzeug anschaffen, könnte ich es nicht zu Hause laden, sondern nur auf einer Elektro-Tankstelle. Hier gibt es viel Nachholbedarf.

Kehrer Spannend wird sein, wie sich die Industrie positioniert. Wenn man Langstrecken fährt und dazwischen laden muss, ist das ein großer Zeitaufwand. Es gibt den Ansatz, nur Akkublöcke zu tauschen. Die Frage ist, ob so eine Lösung durchsetzbar ist.

Klugar Wenn ich beim CO2-Ausstoß grundlegend etwas ändern will, muss ich sowohl in der Technologie als auch in der Mentalität etwas ändern, und dann durch entsprechende Maßnahmen den umweltfreundlicheren Verkehr fördern. Und zwar rasch. Österreich ist gerade beim Öffentlichen Verkehr gut aufgestellt. Dieser muss weiter ausgebaut werden.

Matthias Landgraf (Junge ÖVG) Bezeichnenderweise sagte Ferry Porsche einst: „Das letzte Auto, das gebaut werden wird, wird ein Sportwagen sein.“ Viele Leute wollen ein schönes Auto haben, die Emotionalität und der Life-style-Faktor sind noch in den Köpfen drin. Hier muss man aktiv eingreifen: Man muss mit den technischen Entwicklungen das soziale Verhalten mitverändern.

Polterauer Auch wird seit 40 Jahren über Heimarbeit gesprochen, langsam beginnt man über die Umsetzung nachzudenken. Man muss ja nicht immer mobil sein, man kann auch Arbeit von zu Hause aus erledigen, das würde das Verkehrsverhalten stark beeinflussen.

Das Umdenken ist im Gange. Vor 40 Jahren war der Umweltschutz in den Kinderschuhen, heute ist er in vielen Ländern eine Grundhaltung geworden. Das lässt mich optimistisch sein.

Peter Klugar, Präsident ÖVG

Man könnte das Verkehrsverhalten auch mit Verboten, mit Strafen beeinflussen. Wäre das ein Ansatz?

Klugar Man muss das Verkehrsverhalten verändern, aber durch einen demokratischen Ansatz mit Anreizen. Ein Anreiz kann aber auch der Preis sein. Das Umdenken ist im Gange. Vor 40 Jahren war der Umweltschutz in den Kinderschuhen, heute ist er in vielen Ländern eine Grundhaltung geworden. Das lässt mich optimistisch sein.

Kehrer Letztlich geht es darum, dass man den Menschen ihre Wahlfreiheit lässt, es soll aber auch der Wille seitens des Gesetzgebers erkennbar sein, was bevorzugt wird. Absolute Verbote halten wir nicht für zielführend. Man soll aber schon das Bewusstsein bilden können, welche Wahl die günstigste ist: für die Allgemeinheit und für einen selbst.

Welche Technologien sehen Sie in der Zukunft als besondere Chance?

Klugar Ein riesiges Thema ist die Digitalisierung, da werden sich massive Änderungen ergeben. Vor 40 Jahren hat man von der Digitalisierung noch nichts gewusst, da sind das Auto und das Flugzeug massiv hochgekommen. Die Wiener U-Bahn und die Schnellbahn werden meiner Meinung nach trotzdem in 40 Jahren noch wichtiger als heute sein.

Landgraf Es sind Änderungen, die man nicht abschätzen kann. Smartphones und Apps gibt es erst seit zehn Jahren und sie sind nicht mehr wegzudenken, da wird noch viel entstehen.

Klugar Österreich muss bei diesen Entwicklungen vorne dabei sein, um als Standort seine Position zu halten. Insgesamt braucht es mehr grundlegende Forschung im Verkehrsbereich, vor allem die Auswirkungen von Technologien auf die sozialen Strukturen, auf die Menschen, auf die Verkehrspolitik.

 

Dialog über Verkehrsthemen

Die Österreichische Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft ÖVG versteht sich als Plattform für Diskussionen über alle Verkehrsträger hinweg. Gefördert wird der Dialog zwischen Politik, Forschung und Praxis. Die ÖVG ist keine Lobbying-Organisation, sondern bemüht sich um eine breite Palette von Meinungen. Daraus sollen Ansätze für weitere Entwicklungen, Lösungen und Innovationen entstehen.

Die Junge ÖVG vertritt als Teil der ÖVG den Standpunkt der jungen Verkehrsinteressierten. Der fachliche Dialog wird durch die Organisation internationaler Konferenzen, Exkursionen und Seminare gefördert. Den lockeren Austausch mit hochrangigen Persönlichkeiten der Verkehrsbranche ermöglicht der „Karrieretag der Jungen ÖVG“ sowie der „Stammtisch+1“.

Die Mobilität der Zukunft muss sich angesichts der Klimaerwärmung verändern.

 

Fotos: Hrebenda, Unsplash / Stephane Milot