Die starke Abhängigkeit von russischem Gas lässt spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen und nach Alternativen suchen. Denn der Ukraine-Konflikt könnte im Punkt Klimawandel ein Treiber für die heimische erneuerbare Energiewirtschaft sein. Der Energielenkungsausschuss gab am Dienstag Ausblick auf mögliche Szenarien für Österreich. Welche Maßnahmen dafür jetzt notwendig sind und wie Österreich sich langfristig von Russland lösen kann, beleuchtet die Austrian Roadmap 2050 in einem Überblick.

Bisher hat es an Gas nie wirklich gemangelt. Mit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine und vielen gebrochenen Versprechen ist das Vertrauen in die Moskauer Führung auf einem Tiefpunkt. Deshalb und weil man in der EU ohnehin, wenn auch erst längerfristig, aus dem Gas aussteigen will – Stichwort Klimawandel, sieht man sich nun nach Alternativen um. Erstes Ziel ist es, die Abhängigkeit Europas von russischen Gaslieferungen zu reduzieren, zweites Ziel, die Dekarbonisierung voranzutreiben.

Wie lange reichen Österreichs Gasreserven, wenn Russland den Gashahn zudreht? 

Das ist eine der Befürchtungen, auch weil sich durch die Abkopplung Russlands vom internationalen Finanzsystem Probleme bei der Bezahlung des gelieferten Gases auftun könnten. Zudem ist immer die Gefahr gegeben, dass Pipelines durch Kampfhandlungen beschädigt oder durch Sabotage gezielt außer Betrieb gesetzt werden.

Woher kommt Österreichs Gas? 

Österreich bezieht 80 Prozent des im Inland benötigten Gases aus Russland, zehn Prozent kommt aus Norwegen, fünf Prozent in etwa aus Deutschland, wobei es sich da auch zum allergrößten Teil um norwegisches bzw. russisches Erdgas handelt, der Rest kommt von anderswo her. Kurzfristig könnte man Lieferausfälle verkraften, wird in dem dafür zuständigen Klimaministerium betont. Haushalte hätten nichts zu befürchten.

Warum müssen Haushalten bezüglich Gasknappheit erstmal nichts befürchten?

Für Haushalte gibt es eine spezielle Sorgfaltspflicht. Bevor Haushalten Einschränkungen ins Haus stehen, müssen Industriebetriebe freiwillig, wenn notwendig auch per Verordnung der zuständigen Ministerin Leonore Gewessler (Grüne), ihre Produktion einschränken. Die restliche Heizperiode sei mit dem noch in Speichern gebunkerten Gas, Importen aus anderen Ländern und der Eigenerzeugung in Österreich jedenfalls gesichert.

Wie groß ist die Eigenproduktion von Gas in Österreich? 

Die Inlandsproduktion geht laufend zurück. Waren es 2017 noch an die 1,2 Mrd. Kubikmeter (m3) Erdgas, die in Österreich aus dem Boden geholt werden konnten, sind es laut den letzten verfügbaren Zahlen 2020 nur noch 0,7 Mrd. m3 gewesen. Das entspricht etwa neun Prozent des gesamten Gasverbrauchs in Österreich.

Wie viele Haushalte heizen noch mit Gas und wie ist die lokale Verteilung in Österreich?

In Österreich sind in Häusern und Wohnungen noch an die 900.000 Gasheizungen installiert, anteilsmäßig sind das 23 Prozent. Klar vorn liegt die Fernwärme mit 30 Prozent, wobei auch hier im Winter zum Teil Gas dazugefeuert wird. Holz (17 Prozent), Heizöl (13 Prozent) und Wärmepumpen (elf Prozent) folgen auf den Plätzen.

Mit Abstand am meisten in Wien. In der Bundeshauptstadt allein sind 440.000 Gasheizungen installiert, das ist fast jede zweite und hat damit zu tun, dass das Gasnetz entlang dem Hauptstrang von der slowakischen Grenze kommend bis an die bayerische Grenze am dichtesten ausgebaut ist. So hängen etwa auch 28 Prozent der Haushalte in Niederösterreich und 16 Prozent in Oberösterreich am Gashahn, in Kärnten und Tirol aber nur drei beziehungsweise zehn Prozent.

So heizt Österreich. © Heinzi

Welche Alternativen gibt es zur Gasheizung? 

Dies ist abhängig davon, wo man wohnt und wie gut das Haus gedämmt ist. Wo es einen Fernwärmeanschluss gibt, kann das eine Alternative sein, auch wenn man sich gewärtig sein muss, den Anbieter dann nicht mehr, zumindest nicht mehr so einfach wechseln zu können, wie das bei Gas der Fall ist. Für manche kann ein Pelletskessel die Lösung sein, für andere Erdwärme, sofern das Haus gut isoliert ist.

Die Wien Energie hat im Herbst einen Masterplan vorgelegt, wie die Dekarbonisierung umgesetzt werden soll. Fernwärme bzw. Fernkälte, wo immer das möglich ist, aber auch Wärmepumpen auf dem Dach als Ersatz für die gewohnte Gastherme im Haus. Und wo sonst nichts geht: Biogas. Dazu ein starker Ausbau von Photovoltaik, die laut einem im Herbst gemessenen Stimmungsbarometer die beliebteste erneuerbare Energieform der Österreicher und Österreicherinnen ist.

In Wien hat der Energielenkungsausschuss am Dienstag den möglichen Worst-Case der Gassituation für Österreich besprochen. Welche kurz- und langfristige Szenarien sind möglich?

Bereits am vergangenen Donnerstag gab Klimaschutzministeirn Leonore Gewessler bekannt, dass im Falle einer unmittelbaren Versorgungsunsicherheit die Gasversorgung für heimische Industriebetriebe zurückgefahren werden kann, um so die Versorgung privater Haushalte sicherzustellen. Im Zentrum steht dabei das 2012 in Kraft getretene Energielenkungsgesetz, das der Ministerin im Falle einer unmittelbaren Störung der Energieversorgung einen weitreichenden Handlungsspielraum einräumt. Wie Gewessler bereits vergangene Woche versicherte, würde eine derartige Drosselung nur in „enger Abstimmung mit den Unternehmen“ erfolgen. Dies sei aber nur der Fall für einen absoluten Notstand, was laut der Umweltministerin derzeit noch nicht der Fall ist. Laut Angaben sei der Gasspeicher von Österreich zu 18 % gefüllt. Im europäischen Vergleich verfügt Österreich über die fünft größte Speicherkapazität und belegt in Bezug auf die Speichermenge Platz sieben. Aktuell werden rund 80 Prozent des Gases aus Russland importiert. Derzeit treffen noch Lieferungen aus Russland ein, dennoch erläuterte Gewessler: „Die Lieferung aus Russland waren in den vergangen Monaten im Vergleich zu den Fördermengen aus den Vorjahren vergleichsweise gering.“

Wie bereits am Freitag angekündigt, würde man auf europäischer Ebene intensiv beraten, um geeint an andere Förderländer heranzutreten. In diesem Zusammenhang verwies das BMK auf eine Sondersitzung des Energieministerrates, der am Montag in Brüssel stattgefunden hat. Kurzfristig könnte auch Flüssiggas aus den USA importiert werden. „Wir müssen hier aber auch klar sagen, dass es sich um limitierte Mengen handelt“, so Gewessler. Zudem gebe es laut Gewessler auch einen geringen Anteil an heimischem Gas im Versorgungsmix. Dieser würde rund zehn Prozent betragen. Künftig könnten auch Grüngas-Potentiale verstärkt genutzt werden.

Um die Versorgungssicherheit für den nächsten Winter sicherzustellen, sei zudem ein Gesetzespaket in Ausarbeitung. Dieses umfasst unter anderem auch ein sogenanntes Bevorratungsgesetz für Gas, das bis Mai auf Schiene gebracht werden soll. Hier würde man sich aktuell auch Gesetze aus anderen Ländern, wie Deutschland, ansehen. Ein derartiges Gesetz besteht bis lang in Österreich nur für Erdöl-Importeure, die ihre Erdöllager mit gewissen Mindestfüllmengen bestücken müssen. Ein weiteres Gesetz, das bis Sommer auf den Weg gebracht werden soll, umfasst die erneuerbare Wärme. Dieses sieht unter anderem den Verbot von Gasthermen in Neubauten vor. „Jedes Windrad, das wir bauen, ist ein Symbol für diese Unabhängigkeit und jede Gasheizung, die wir austauschen, ist ein Schritt in Freiheit“, so Gewessler abschließend.

(02.März 2022, Sandra Beck)

 

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