Dr. Georg von Pföstl, Principal Financial Services Österreich bei Arthur D. Little im Interview mit der Austrian Roadmap2050 über die Chancen und Herausforderungen mit dem Handel von Kryptowährungen

Seit gut einem Jahr gestaltet sich das Investieren in Kryptowährungen als ein äußerst risikobehaftetes Unterfangen. Das Allzeithoch der stärksten Kryptowährung Bitcoin lag im November 2021 bei über 56.000 Euro. Nach einem fast 70 prozentigen Kurseinbruch beträgt der Preis für ein Bitcoin mittlerweile rund 16.000 Euro.

Ob das nun das Aus für Bitcoin und Co. bedeutet, da scheiden sich die Geister. Dr. Georg von Pföstl, Principal der Financial Services Österreich beim Unternehmensberater Arthur D. Little, geht jedoch davon aus, dass sie unter anderen Rahmenbedingungen bleiben werden. Im Interview mit der Austrian Roadmap2050 spricht der Experte über die Zukunft der digitalisierten Währungen.

Austrian Roadmap2050: Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich durch Kryptowährungen an den Finanzmärkten?

Dr. Georg von Pföstl ist Principal Financial Services Österreich bei Arthur D. Little. Seine Kernkompetenzen liegen im Risikomanagement, das die Aspekte Strategie, Governance, Funktion, Verfahren und Daten abdeckt, ESG/Nachhaltige Finanzen und Prozessoptimierung und Risk Data. © Arthur D. Little

Georg von Pföstl: Im Jahr 2009 ist mit Bitcoin die erste und bis heute stärkste Kryptowährung erschienen. Seither hat sich sehr viel getan und nicht zuletzt aufgrund der Entwicklungen an den Finanzmärkten der zurückliegenden Jahre sind Kryptowährungen im Mainstream angekommen – rund 17% der Europäer haben Studien zufolge in Kryptowährungen investiert, global sind es rund 23%.

Die Anzahl der Kryptowährungen ist rasant gestiegen – es gibt rund 19.000 verschiedene Währungen im Vergleich zu den 180 sogenannten FIAT-Währungen, also den „traditionellen“ Währungen wie Euro, US Dollar oder Yen. Von dieser immensen Anzahl an Kryptowährungen spielen allerdings nur einige wenige eine materielle Rolle. So beträgt der Anteil der Marktkapitalisierung der größten 10 Kryptowährungen per Mitte November knapp 82%. Neben Bitcoin mit einem Marktkapitalisierungsanteil von knapp 40% spielt vor allem noch Ethereum mit knapp 20% eine dominante Rolle. Und mittelfristig wird wohl der Großteil der existierenden Kryptowährungen verschwinden.

ARM2050: Innerhalb kürzester Zeit verzeichneten eine Vielzahl an Kryptowährungen kometenhafte Kursgewinne. Werden wir das in Zukunft noch öfter beobachten können?

GvP: Die rasanten Preissteigerungen der Kryptowährungen, mit einer Explosion der Preise zwischen Ende 2020 bis November 2021 haben vielen Investoren hohe Gewinne verschafft, sofern sie den richtigen Einstieg erwischt und den Ausstieg nicht verpasst haben. Denn ab November 2021 gab es einen rasanten Rückgang der Preise. Die Marktkapitalisierung der Kryptowährungen insgesamt ist von rund 3 Billionen US$ im November 2021 auf unter 1 Billion US$ Mitte 2022 gefallen, wo wir im November 2022 nach wie vor verharren – die Preise der Währungen sind eingebrochen.

Herausforderungen für die Finanzmärkte und Finanzmarktstabilität ergeben sich sowohl aus dem Volumen dieses bis dato Großteils unregulierten Marktes (zum Vergleich: die US Subprime Krise, die zur Finanzkrise 2007 geführt hat, hatte ein Volumen von rund 1,2 Billionen US$), als auch aus den hohen Kursschwankungen der Währungen. Aufsichtsbehörden bezeichnen den Kryptwährungsmarkt deshalb auch als „Wilden Westen“, der reguliert werden muss. Derzeit werden verschiedene Maßnahmen erarbeitet.

Wie schnell es im Kryptomarkt gehen kann, zeigt das jüngste Beispiel FTX, die als einer der größten Kryptobörsen innerhalb weniger Tage in die Insolvenz geschlittert ist.

ARM2050: Sind Kryptowährungen gekommen, um zu bleiben? Und welche primäre Funktion ergibt sich für diese?

GvP: Die Einschätzungen der Marktteilnehmer zu dieser Frage gehen stark auseinander. Ich gehe davon aus, dass uns Kryptowährungen erhalten bleiben, dass sich die Rahmenbedingungen jedoch signifikant ändern werden und auch ändern müssen, damit sie eine wesentliche Rolle spielen können (Stichwort Regulierung).

Neben Kryptowährungen als Asset-Klasse ist die Funktion als Zahlungsmittel der spannendste Use Case. Allerdings eignen sich die aktuellen, unregulierten Kryptowährungen nicht als nachhaltiges Zahlungsmittel für den breiten Markt. Die Funktion als Recheneinheit als auch die Funktion als Wertspeicher ist nicht gegeben. Auch die Erfahrungen von El Salvador, wo Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt wurde, sind ernüchtern. Nach rund 15 Monaten betragen die in der Digitalwährung getätigten Bezahlvorgänge nur einen kleinen Teil und die Akzeptanz in der Bevölkerung ist Großteils nicht gegeben..

Die Wertschwankungen der Kryptowährungen müssen geringer und die Sorge der Aufsichtsbehörden und Regulatoren hinsichtlich Finanzmarktinstabilität und Geldschwäche ausgeräumt werden, um das Vertrauen und öffentliche Zuversicht zu erhöhen.

ARM2050: Green Finance und Kryptowährungen: Sind diese überhaupt mit ESG zu vereinbaren?

GvP: Viele Kryptowährungen, darunter auch Bitcoin, basieren derzeit auf dem sogenannten „Proof-of-Work“ (PoW) Konsens-Mechanismus und dieser benötigt einen sehr hohen Energieverbrauch. Allein der Energieverbrach zum Schürfen von Bitcoin entspricht dem jährlichen Stromverbrauch der Niederlande. Global verbrauchen Kryptowährungen mehr Strom als Argentinien in einem Jahr. Diese Methode ist also nicht nachhaltig und einige Länder haben das Schürfen verboten bzw. eingeschränkt. Die Branche ist sich dieser Herausforderung bewusst.

Mit dem „Proof-of-Stake” (PoS) steht eine alternative Methode zur Verfügung, die deutlich weniger ressourcenintensiv ist. Und mit Ethereum hat die zweitgrößte Kryptowährung kürzlich auf PoS umgestellt. Neben dem deutlich geringeren Energieverbrauch standen hierbei andere Vorteile im Fokus, etwa die notwendige Skalierung und niedrigere Security Kosten.

Eine Umstellung des gesamten Kryptomarktes auf PoS würde einigen Studien zufolge den Energieverbrauch um mehr als 99% verringern.

Mehr zu diesem Thema:

Aktuelle Studie von Arthur D. Little zu Bankgeschäfte mit Kryptowährungen

Banking on cryptocurrencies | Arthur D. Little (adlittle.com)

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