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Güterverkehr der Zukunft

Wir haben mit Rail Cargo Group-Vorstandssprecher Dr. Clemens Först über die Entwicklungen in der Bahnlogistik gesprochen und welchen Beitrag der Schienengüterverkehr der ÖBB dabei leistet.

Die Wirtschaft wächst gerade, das bedeutet auch steigende Transporte. Wie präsentiert sich für Sie das aktuelle Marktumfeld?

Die Wirtschaft wächst weiterhin gesund, uns ist es auch 2018 gelungen, die Mengen deutlich über dem Wirtschaftswachstum zu steigern. Auch wenn wir im Vergleich zu vielen anderen Güterbahnen noch Gewinne schreiben, befinden wir uns an einem kritischen Punkt: die Margen sind niedrig und markt- und kostenseitig unter massivem Druck. Gleichzeitig müssen wir in den nächsten Jahren in die Zukunftsfähigkeit des Schienengüterverkehrs und der RCG investieren, beginnend bei Loks und Wagen bis hin zur Digitalisierung und Ausbildung von TriebfahrzeugführerInnen. Klar ist, dass sich hohe Investitionen bei niedrigen Margen nicht rechnen, wir arbeiten daher aktuell intensiv an der Erhöhung unserer Profitabilität.

 

Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Zuallererst setzen wir natürlich bei internen Optimierungen an, die allerdings nicht ausreichen werden, um die aktuellen Faktorkostensteigerungen vor allem im Energie- und Personalbereich zu kompensieren. Daher wird es dieses Jahr auch zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen Richtung Markt kommen müssen, wir sind dazu aktuell in Gesprächen mit unseren Kunden. Eine wesentliche mittel- bis langfristige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Systems Schiene liegt auf europäischer Ebene, vor allem in den Bereichen Interoperabilität sowie fairen Wettbewerbsbedingungen. Unter Interoperabilität verstehen wir alle Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass wir internationalen Schienengüterverkehr ohne Systemgrenzen und nationale Besonderheiten durchführen können. Unsere einfache Forderung: „Einen Zug durch Europa zu fahren darf nicht komplexer sein, als einen LKW“. Faire Wettbewerbsbedingungen herrschen dann, wenn die unterschiedlichen externen Kosten der Verkehrsträger, allem voran CO2-Emissionen, Stickoxide oder Verkehrssicherheit, in den Transportkosten enthalten sind. Ein wichtiger Schritt zur Realisierung von Interoperabilität und fairen Wettbewerbsbedingungen ist die Initiative Rail Freight Forward – eine Initiative von europäischen Güterbahnen unterstützt durch die internationalen Eisenbahnverbände UIC und CER.

 

Was genau ist Rail Freight Forward? Was ist das Ziel der Initiative?

Rail Freight Forward ist eine gesamteuropäische Maßnahme. Ziel ist es zuallererst, einem breiten Kreis an Stakeholdern zu vermitteln, dass die aktuelle Verkehrspolitik zu einem volkswirtschaftlich suboptimalen Verkehrsmix führt. Weiters zeigen wir Hebel auf, wie mit einem klaren Business Case der Verkehrsmix im Sinne der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft optimiert werden kann – und das teilweise sehr rasch. Österreich nimmt hier vielfach eine Vorreiterrolle in Europa wahr, von Investitionen in die Infrastruktur bis hin zu verkehrspolitischen Maßnahmen zur Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs.

 

Woher kommt das Anliegen? Warum ist es wichtig?

Der Verkehrsmarkt in Europa wird bis 2030 etwa um 30Prozent wachsen und das in Branchen, die traditionell nicht schienenaffin sind, zum Beispiel im Bereich Konsumgüter. Weder unsere Straßeninfrastruktur noch die Ziele zur Emissionsreduktion sind auch nur annähernd kompatibel mit dieser Entwicklung. Die Schiene kann hier mit intermodalen Verkehrskonzepten – das heißt einer intelligenten Kombination aus Straßentransport zur und von der Schiene mit einem Schienentransport – vor allem bei großen Transportdistanzen einen großen Mehrwert haben. Der Effekt ist signifikant: Der Energieverbrauch des Schienentransports ist um einen Faktor 6 geringer, der CO2 Ausstoß ist aufgrund erneuerbarer Energien nochmals geringer und ist auch im Bereich Verkehrssicherheit oder Stickoxiden um deutlich zweistellige Faktoren besser.

Die Bahn als Rückgrat – Auf welchen verschiedenen Ebenen wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Zusammenfassend sind es – wie bereits erwähnt – drei zentrale Bereiche: Die Eisenbahnunternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen und kundenorientierte Produkte kombiniert mit hocheffizienter Produktion anbieten. Damit sie eine Chance haben gegen die Straße wettbewerbsfähig zu sein, müssen sie auf eine interoperable Infrastruktur zurückgreifen können – wie es auf der Straße selbstverständlich ist – und verkehrspolitisch faire Wettbewerbsbedingungen vorfinden.

Welche Rolle spielt dabei die Rail Cargo Group?

In den letzten Jahren haben wir uns als führender Bahnlogistiker in Europa positioniert. Wir sehen unsere Leistungen und Services als integralen Part der internationalen Wertschöpfungsprozesse und möchten der führende Anbieter von komplexen und qualitativ hochwertigen internationalen Bahnlogistikleistungen sein. Der Vorteil der RCG ist, dass wir groß genug sind, um ein dichtes europäisches bzw. internationales Netzwerk zu betreiben, aber auch wendig genug, um flexiblere Lösungen anzubieten. Unser Wettbewerbsvorteil ist unser Team und die Ausrichtung auf unsere Kunden. Damit bieten wir unseren Kunden qualitativ hochwertige Services – Stichwort convenient and caring.

 

 

Dr. Clemens Först
RCG-Vorstandssprecher

Rail Cargo Group
ist Marktführer in Österreich und mit einem Modalanteil der Schiene von 30,7 % Spitzenreiter innerhalb der Europäischen Union.

Fotos: © RCG/David Payr