Newsletter

Europäischer Schienengipfel 2018

 

„Mobilität auf neuen Bahnen“, unter diesem Generalthema des 13. Europäisches Schienengipfels der Österreichischen Verkehrsgesellschaft (ÖVG) und des Business Circle fanden sich in den vergangen zwei Tagen nationale sowie internationale Entscheider und Top-Referenten der Staats- und Privatbahnen Europas, von Industrie und Wissenschaft in Wien ein. Die Austrian Roadmap 2050 war vor Ort um die spannensten Zukunftsvisionen einzufangen.

 

Mehr als 12 Panels dienten als Plattform für den Dialog, der Präsentation und dem Diskurs zu aktuellen Innovationen, Problemstellungen und Zukunftsaussichten. Das umfangreiche Programm umfasste Themen, die nicht nur den Schienenverkehr beschäftigen, sondern ebenso andere Dienstleister der Mobilität, Infrastruktur, Telekommunikation und Energie vor neue Chancen und Herausforderungen stellen:

  • Digitalisierung
  • Autonomes Fahren
  • IoT – Internet of Things
  • Predictive Maintenance
  • 3D Druck
  • Smart Data
  • Disruptives, innovatives Denken
  • Künstliche Intelligenz

Zu diesen Themen fanden sich Referenten aus unterschiedlichen Bereichen der Schienenwirtschaft, aber auch Telekommunikation und Luftfahrt ein.

 

Aus Sicht der Bahnen brachte ÖBB-CEO Andreas Matthä bereits zu Anfang der Veranstaltung auf den Punkt, worum es in den nächsten Jahren für Bahndienstleister gehen wird: „Es ist eine Überlebensfrage, dass wir uns als Gesamtreisedienstleister verstehen und integrierte Mobilitätskonzepte anbieten.“ Die ÖBB habe bereits die ersten Schritte in diese Richtung mit der Mobilitäts-App „wegfinder“ unternommen: „Eine Herkulesaufgabe bleibt: 11.000 Haltstellen und 7 Verkehrsverbünde zusammenzubringen. Das ist aber essenziell, weil sich sonst Zwischenplattformen einschalten und du zu einem austauschbaren Dienstleister wirst“. Insgesamt sei „die letzte Meile“ ein wichtiges Thema für die ÖBB, weshalb nun auch Autos an den Bahnhöfen von den ÖBB vermietet werden. Die Schweizer SBB habe letztes Jahr eine sogenannte „Green Class“ eingeführt bei der der integrierte Mobilitätsansatz im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der ETH Zürich erforscht wird. Teilnehmer bekommen für ein Jahr unbegrenzte Nutzung der Bahn, ein persönliches E-Auto mit Parkplatz sowie Abonnements für Car- & Bikesharing zur Verfügung gestellt und stellen im Gegenzug ihr Mobilitätsverhalten der Universität lückenlos zur Verfügung.

 

Auch zum Thema autonomes Fahren sieht Matthä die Branche mit neuen Chancen und Herausforderungen konfrontiert: „Das selbstfahrende Auto ist technologisch bereits möglich, es gilt aber noch ethischen Aspekte und rechtliche Rahmenbedingungen zu klären. Ein Stückweit ist dies für uns als Schienendienstleister eine Bedrohung, da sich die Kapazitäten von Autobahnen erhöhen werden. Andererseits ist es als integrierter Mobilitätsanbieter eine Riesenchance, vor allem unter dem Aspekt des Mikro-ÖV. Beispielsweise fahre ich von Zuhause aus mit dem selbstfahrenden Auto zum Bahnhof und steige dort in den Zug der ÖBB ein“

 

Es zeige sich, dass innerhalb und außerhalb der Branche eher auf Kooperation als auf Konkurrenz gesetzt werde. Ein Beispiel brachte Manuel Gerres, Geschäftsführer der Deutsche Bahn Digital Ventures, unter anderem verantwortlich für die Ausgründung des Start Ups „Beyond1435“, einer Kooperation aus DB, SBB, TUI, Siemens, Bombardier und Weiteren: „Ins Railbusiness als Konkurrent einzusteigen ist komplex, aber an der Kundenschnittstelle sehen wir definitiv die Gefahr. Deshalb sehen wir das Bedürfnis eines ganzeinheitlichen Ansatzes.“

 

Auch in anderen Branchen sei der Bedarf nach Kooperation vorhanden, wie Peter Pirklbauer von Airbus im Bereich der Zukunftstechnologien aufzeigt. Im 3D Druck setze man stark auf die Zusammenarbeit mit Zulieferern, denn wenn nicht auf Kollaboration gesetzt wird, fände sich für Airbus sehr schnell andere Wege für die Produktion von Teilen: „Der 3D Druck verkürzt Forschungszeit als auch Produktionszeit massiv und definiere die Luftfahrt neu.“ Auch die Wissenschaft müsse enger mit Unternehmen zusammenarbeiten. „Ein enger Abgleich zwischen Unis und Unternehmen ist unbedingt notwendig, denn was bringt die Ausbildung innerhalb eines Bereiches, der sowieso bald von Robotern übernommen wird?“

Neben den weiteren sehr relevanten Zukunftsthemen des Internet of Things, der Innovationskraft von Unternehmen und dem predictive Maintenance blieben Grundsatzdiskussionen über Antriebsformen und E-Mobilität aus, da diese beiden Themenbereichen bereits als Realität in der Gegenwart wahrgenommen werden.

 

Am zweiten Tag beschäftigte sich ein hochkarätiges Panel von Vertretern der ÖBB, DB und SBB mit dem Kampf um Kunden im Fernverkehr und den Wettbewerb der Bahn mit anderen Verkehrsträgern wie Fernbus, Flugzeug und Auto. Aus Sicht von SBB-Personenverkehrsvorständin Jenannine Pilloud könne die Bahn vor allem auf Strecken mit einer Fahrzeit von 3 bis 5 Stunden konkurrenzieren, darüber sei das Flugzeug für die Kunden attraktiver. ÖBB-Fernverkehrschef Kurt Bauer strich die Bedeutung der Infrastruktur für die EVUs hervor. Wenn die Infrastruktur – wie auf der Strecke Wien-Graz-Klagenfurt – noch nicht ausgebaut sei, habe der Fernbus große Vorteile gegenüber der Bahn, auch wenn man noch so modernes, rollendes Material einsetze. Aus der Sicht von Marco Kampp von der Deutschen Bahn sei die technische Harmonisierung im Bahnbereich, die jetzt auch durch das 4te Eisenbahnpaket der EU umgesetzt wäre, die größte Herausforderung im grenzüberschreitenden Schienenverkehr in Europa. Das hätten andere Verkehrsträger wie Auto und Flugzeug erkannt. Undenkbar wäre es wenn man die Reifen seines Autos an der Brennergrenze wechseln müsste oder wenn Flugzeuge in jedem Staat anderes Kerosin tanken müssten. Der ehemalige WESTbahn-Chef und Bahnberater Stefan Wehinger (Rail Experts Group) sieht ein großes Hindernis von Wettbewerb im europäischen Schienensystem auch in der Beharrlichkeit der staatlichen EVUs in komplett unterschiedlich ausgestatteten rollenden Material. Jeder Sitz, jede Innenverkleidung müsse anders ausschauen. Eine Harmonisierung der Regeln für die Innenausstattung des rollenden Materials würde aus Wehingers Sicht den Wettbewerb auf der Schiene einfacher machen. 

 

Ein Programm-Überblick 
findet sich hier