Zusätzliche Gasmengen aus Norwegen oder Nordafrika sind schwer zu bekommen, bei verflüssigtem Erdgas hapert es auch an der Infrastruktur. Die motivierten Aussagen der Politiker:innen, das eine „schnelle“ Umstellung zu erneuerbaren Ressourcen jetzt in Angriff genommen werden müsste, ist mehr Wunschdenken als Realität. Über eine Branche, die schon vor Jahren die gezielte Strategie der Umstellung auf grüne Energie auf den Weg hätte bringen müssen.

Fast über Nacht ist in vielen europäischen Hauptstädten die Erkenntnis gereift, dass die starke Abhängigkeit von russischem Erdgas fatal ist, erpressbar macht und im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg von Wladimir Putin in der Ukraine auch moralisch bedenklich ist. Allenthalben wird nun nach Alternativen gesucht; eine Art hektische Reisediplomatie in Sachen Gas ist seit Wochen beobachtbar. Denn angesichts der Ankündigung von Russlands Präsident Wladimir Putin, Gaslieferungen nun in Rubel abrechnen zu wollen, und des EU-Rats heute in Brüssel hat die Industriellenvereinigung (IV) vor einer Gefährdung der Energiesicherheit gewarnt. Kurzfristig gebe es keine Alternative zu Gas aus Russland, das bleibe „die unbequeme Wahrheit“, so die IV. Österreich dürfe seine eigene Energieversorgung „nicht leichtfertig aufs Spiel setzen“, so IV-Chef Georg Knill in ein Aussendung.

Blick auf Hauptstränge der Pipelines zeigt Übergewicht aus nordöstlicher Richtung

Jene, die ein „abruptes und ungeplantes Aus“ für die Öl- und Gasversorgung aus Russland fordern, müssten vorher erklären, woher und wie Länder wie Österreich die erforderlichen Energieträger kurzfristig beziehen sollen. Denn es ist leichter gesagt als getan, neue Gasquellen zu identifizieren bzw. bestehende Lieferverträge abseits der russischen substanziell auszuweiten. Ein Blick auf die Hauptstränge bestehender Pipelines zeigt ein Übergewicht an Leitungen aus nordöstlicher Richtung. Sie gehen in Russland weg und enden irgendwo in Westeuropa. Mit jeder neu verlegten Röhre und jedem neu geschlossenen Liefervertrag ist die Abhängigkeit von russischem Gas gestiegen. 40 Prozent der in Europa verbrauchten Menge kommen über Nord Stream 1, Yamal, Transgas oder wie die Pipelines aus Sibirien sonst noch heißen, wobei Länder wie Spanien, Portugal oder Luxemburg gar kein Gas aus Russland beziehen; andere wie Ungarn, die Slowakei oder Bulgarien hängen zu fast 100 Prozent am russischen Tropf. Österreich liegt mit 80 Prozent Gas aus Russland im oberen Drittel.

Wo Europas Gas herkommt. © Der Standard

Norwegen ist zweitwichtigster Lieferant

Woher kommt das restliche Gas? Norwegen rangiert mit einem Anteil von 38 Prozent an zweiter Stelle. Etwas Gas kommt aus Nordafrika, das seinen Weg über Pipelines vor allem nach Italien und Spanien findet. Der Rest ist LNG (Liquefied Natural Gas), wobei der überwiegende Teil des verflüssigten Erdgases aus den USA kommt. Die Eigenproduktion in Europa, die vor 20 Jahren noch substanziell zur Gasversorgung beitrug, ist stark rückläufig.

Norwegen, das mit seinen in den 1970er-Jahren entwickelten Öl- und Gasfeldern in der Nordsee reich geworden ist, möchte in die Bresche springen. Erst jüngst wurde gesagt, man wolle die Erdgasförderung in den kommenden Monaten erhöhen und im Sommer mehr Gas nach Europa liefern. Allein durch angepasste Genehmigungen der Regierung für das Oseberg-Feld in der Nordsee könnten die Lieferungen bis Ende September um etwa eine Milliarde Kubikmeter (m3) gesteigert werden, ließ etwa der Betreiber Equinor wissen.

Abhängigkeit Schritt für Schritt zu verringern wäre ökonomisch sinnvoll

Das ist nicht nichts, im Endeffekt aber auch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Vergleich: 2021 haben die EU-Länder im Schnitt rund 140 Milliarden m3 Erdgas importiert, das sind mehr als 380 Millionen m3 pro Tag. Dazu kamen 15 Milliarden m3 LNG. Und wie viel kam über das Pipelinesystem aus Russland? An die 150 Milliarden m3. Die Abhängigkeit Schritt für Schritt zu verkleinern sei möglich, sagen Experten. Ein radikaler Schnitt hingegen hätte gewaltige Verwerfungen und Massenarbeitslosigkeit in Europa zur Folge, weil weit und breit so rasch kein Ersatz für russisches Gas zu finden sei.

Auch wenn gemäß den EU-Klimazielen Erdgas langfristig als Brennstoff keine Rolle mehr spielen wird – kurz- und mittelfristig führt nach allgemeiner Einschätzung kein Weg daran vorbei, zumal gewisse Prozesse wie die Stahl- oder Zementproduktion nicht kurzfristig auf Wasserstoffbetrieb umgestellt werden können.

Knapp 30 LNG Terminals in Europa vorhanden 

Mehr Gas aus Nordafrika? Auch das scheint zumindest auf kurze Sicht illusorisch. Algerien, der Hauptlieferant in der Region, hat die Gasproduktion über Jahre vernachlässigt. Auch wenn sie wollten, die Algerier könnten kurzfristig gar nicht mehr liefern.

Bleibt LNG. Knapp 30 große Anlandeterminals gibt es derzeit in Europa – viel zu wenige, wie Experten sagen. Schon jetzt staut es sich. Bis neue Terminals stehen, vergehen Jahre. Deutschland, das noch über keinen einzigen LNG-Terminal verfügt, möchte zwei, vielleicht sogar drei bauen. Die erste Anlandestation in Deutschland, wo verflüssigtes Erdgas wieder in gasförmigen Zustand gebracht wird, könnte 2025 stehen – bestenfalls.

Internationaler Wettlauf um LNG hat begonnen

Und dann wäre noch die Frage, woher das LNG beziehen. Erst kürzlich reiste der Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP), Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) und die für Rohstoffe zuständige Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) Anfang März nach Katar, um neue Möglichkeiten der erneuerbaren Ressourcen zu verhandeln. Mit dabei war auch Alfred Stern, Chef der OMV. Von alldem fand sich nichts im Gepäck der Österreich-Delegation auf dem Rückweg nach Wien. Lediglich Absichtserklärungen, wie es sie schon beim Besuch von Kronprinz Mohammed bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi vorigen Juli in Wien gegeben hat – damals noch mit Sebastian Kurz (ÖVP) als Kanzler. Eine strategische Partnerschaft wurde vereinbart, mit dem Kernpunkt einer engeren Zusammenarbeit im Bereich Wasserstoff. Bundeskanzler Nehammer selbst sagte nach Unterzeichnung einer weiteren Absichtserklärung in Abu Dhabi, man dürfe sich „keine Wunder erwarten“.  Man erhoffe sich lediglich in Zukunft etwas vorgestellt zu werden, wenn es um die Verteilung von LNG geht. Denn unlängst hat auch in Europa ein Wettlauf begonnen, wer die internationalen Ressourcen außerhalb von Russland erhält.

(Der Standard/APA, 24. März 2022, Sandra Beck)

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