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Der weltweit erste Wasserstoffzug – Ein Gespräch

Wir hatten die Gelegenheit mit Alstom Deutschland Geschäftsführer, Jörg Nikutta, über die Vorteile des weltweit ersten Wasserstoffzuges Coradia iLint, über die Idee dahinter sowie über Herausforderungen in der Entwicklung zu sprechen.

 

Der Verkehrsträger Schiene legt in Mitteleuropa ein starkes Wachstum hin, sowohl im Personenverkehr als auch im Güterverkehr.
Aber gerade auch weil immer mehr Verkehr auf die Schiene kommt ist es umso wichtiger die Bahn für die Zukunft zu rüsten und vor allem auch immer ökologischer zu werden. Ein große Herausforderung stellen nicht-elektrifizierte Nebenstrecken dar, weil man hier mit Dieselfahrzeugen unterwegs ist. Da diese Problematik vor allem den Nah- und Regionalverkehr betrifft entwickelte Alstom einen Nahverkehrszug, der mit Wasserstoff betrieben wird. Im Jahr 2014 startete man mit einer intensiven Entwicklung eines solchen Produkts und im März 2017 fand die erste Probefahrt mit dem Coradia iLinit aus dem Hause Alstom statt. Mit diesem Wasserstoffzug kann man auch auf nicht-elektrifizierten Nebenstrecken emissionsfrei unterwegs sein – das ist ein großer Schritt für eine noch zukunftsfähigere Eisenbahn.

Wir hatten die Gelegenheit mit dem Geschäftsführer von Alstom Deutschland, Jörg Nikutta, über die Vor- und Nachteile des Produktes, über die Idee dahinter sowie über Herausforderungen in der Entwicklung zu sprechen.

Was waren die Herausforderungen beim Projekt Coradia iLint?

Der Coradia iLint von Alstom ist weltweit der erste Personenzug, der mit einer Brennstoffzelle betrieben wird, die mithilfe von Wasserstoff elektrische Energie für den Antrieb erzeugt. Dieser komplett emissionsfreie Zug ist geräuscharm und gibt lediglich Wasserdampf und Kondenswasser ab. Seit September 2018 befinden sich zwei Züge in Niedersachsen bereits im Einsatz.

Die größte Herausforderung für uns war es, alle Interessensgruppe von Anfang an auf diese spannende Reise mitzunehmen. Besonders das Thema Sektorkopplung lag uns von Beginn an am Herzen. Es geht um die Dekarbonisierung der Energiegewinnung, als klimaneutrale und CO2-freie Energie. Dabei spielen zwei Faktoren eine Rolle: Erstens die Umwandlung von überschüssiger Wind- und Sonnenkraft in Wasserstoff, als intelligentem Energiespeicher. Zweitens eine Infrastruktur, die Wasserstoff allen Sektoren, die Energie benötigen, zur Verfügung stellt. Gerade im Verkehrsbereich könnten z.B. Busse, LKW oder Müllwagen an den gleichen Tankstellen tanken wie Züge.

Warum hat man sich bei Alstom entschieden einen Wasserstoffzug zu entwickeln, wie entstand die Idee?

Das Thema Klimaschutz gewinnt auch im Schienenverkehr weiter an Bedeutung. Mit dem Pariser Abkommen haben sich alle Staaten dazu verpflichtet, die Weltwirtschaft auf klimafreundliche Weise zu verändern. Dabei spielt natürlich im Bereich Mobilität auch der Schienenverkehr eine entscheidende Rolle für die Erreichung der Klimaschutzziele. Weniger Energieverbrauch, reduzierte Emissionen – sowohl Abgase, als auch Lärm – gesteigerte Nachhaltigkeit, dass alles stellt die Schienenverkehrsbrache vor große Herausforderungen und bietet gleichzeitig neue Chancen. Der Schienenverkehr weist systembedingt eine sehr viel höhere Energieeffizienz auf als konkurrierende Verkehrsträger auf der Straße und in der Luft und ist heute bereits Vorreiter im Umweltschutz. Mit unserem Wasserstoffzug wollten ein Produkt schaffen, dass auch auf oberleitungsfreien Strecken emissionsfrei fahren kann und gleichzeitig eine vergleichbare Reichweite bietet wie konventionelle Dieseltriebzüge.

 

Oftmals ist die Skepsis bei Wasserstofftechnologien recht groß, wie entgegnen Sie der Kritik?

Wasserstoff ist ein wichtiger Bestandteil bei vielen industriellen Prozessen und wird seit Jahrzenten in großen Mengen eingesetzt. So existieren in Deutschland beispielsweise mehrere Wasserstoffpipelines, die erste wurde bereits ab 1938 in Betrieb genommen.

Somit wird  bereits seit Jahrzehnten im Bereich Wasserstofftechnologie und der damit der Wasserstoffsicherheit geforscht und entwickelt Die Sicherheit der Komponenten und des Einsatzes in Fahrzeugen wurde in  zahlreichen Versuchen und Studien nachgewiesen. Nach dem Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) sind Hochdruckbehälter mit Wasserstoff oder sogar Erdgas tatsächlich sicherer als Benzintanks in vergleichbaren Gefahrensituationen. Außerdem unterliegt die Zulassung dieser Fahrzeuge äußerst strengen Kontrollen, die alle sicherheitsrelevanten Aspekte abdecken. Seit Sommer 2018 hat unser Zug die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes und erfüllt damit alle Sicherheitsstandards.

Was sind die Vorteile des Wasserstoffzuges gegenüber Diesel- oder Batteriebetrieb?

Der Coradia iLint ist ein Zug, der auf dem gesamten Streckennetz betrieben werden kann also auch und insbesondere auf nichtelektrifizierten Strecken, wo es keinen Fahrdraht zur Versorgung des Antriebssystems gibt. Es handelt sich um einen Zug, der vollkommen CO2-emissionsfrei ist. Die Leistung der Züge ist vergleichbar mit der Leistung von Dieseltriebzügen der neuesten Generation, d.h. sie erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h und eine vergleichbare Beschleunigungs- und Bremsleistung. Vor allem haben die Fahrzeuge eine Reichweite von rund 1.000 km und können damit mehrere Umläufe ohne Nachtanken fahren.

 

Was zeigen die ersten Erfahrungen mit dem Coradia iLint?

Seit September 2018 sind die ersten zwei Wasserstoffzüge von Alstom im Elbe-Weser Netz im regelmäßigen Fahrgasteinsatz. Die Fahrzeuge sind leise und bieten hohen Fahrgastkomfort. Sie erfüllen alle Anforderungen und laufen zu höchster Zufriedenheit. Mit fast 50.000 km Laufleistung und über 90% Verfügbarkeit, kann man von einem vollen Erfolg sprechen.

Von Ende Januar bis Mitte Februar 2019 war einer der zwei Coradia iLint von Alstom in Deutschland auf Tour und konnte in sechs Bundesländer Politik und Presse auf Sonderfahrten begeistern.   

 

Welchen Beitrag kann der Wasserstoffzug von Alstom leisten für eine effiziente und zukunftsfähige Mobilität?

Wasserstofftechnologien und -lösungen werden eine wichtige Rolle in unserer globalen Zukunftsvision spielen. Unser Ziel ist es, Wasserstoff als einen strategischen Faktor in der Energiewende zu positionieren, da wir überzeugt davon sind, dass Wasserstoff den Wandel auf der Straße und Schiene – hin zu einem sauberen und letztendlich emissionsfreien Energiesystem – bewirken wird.

Alstom ist mit dem Coradia iLint ein wichtiger Impulsgeber bei der sogenannten Sektorkoppung, dessen Ziel die Dekarbonisierung der Energieversorgung ist. Dazu werden erneuerbare Energien durch Power-to-Gas und den Ausbau einer entsprechenden Infrastruktur vorgehalten, so dass sie für die traditionellen Sektoren Elektrizität, Wärme, Verkehr bzw. Mobilität und Industrie genutzt werden können.

Alstom bietet seinen Kunden, die sich für einen Wasserstoffzug entscheiden, die Chance, gemeinsam ein klimafreundliches Mobilitätsangebot zu schaffen.

Was glauben Sie ist der Anspruch an die Mobilität der Zukunft, und wie kann hier der Wasserstoffzug helfen?

Der Coradia iLint ist Alstoms Lösung für emissionsfreien Schienenverkehr auf nicht-elektrifizierten Strecken. Dank des Brennstoffzellenantriebs werden nur Wasserdampf und Wasser an die Umgebung abgegeben und die Geräuschemissionen sind vergleichsweise gering. Das Antriebssystem ermöglicht einen reduzierten Energieverbrauch durch den Einsatz von Energiespeichern und ein intelligentes Energiemanagement.

Der Verkehr der Zukunft wird vielseitiger und umweltfreundlicher werden. Fahrgäste wünschen sich eine nahtlose Verkehrsanbindung von Tür zu Tür bei möglichst kurzer Fahrzeit. Betreiber wünschen sich Unterstützung in der Realisierung multimodalen Transports und wollen Pünktlichkeit und Verfügbarkeit verbessern. Alternative Antriebe, flexiblere Mobilitätslösungen, umfassende Digitalisierung sind unsere Antwort, auf die Frage nach der Mobilität von morgen. Alstom liefert nicht nur Schienenfahrzeuge, Serviceleistungen und Wartung, sondern bietet auch vollständige Mobilitätslösungen.

 

 

Jörg Nikutta
Alstom Deutschland Geschäftsführer 

Alstom
ist in Deutschland einer der führenden Anbieter von Bahntechnik. Schwerpunkt ist die Herstellung von Schienenfahrzeugen für den Nahverkehr: U- und S-Bahnen, Straßenbahnen und Regionalzüge. 

Fotos: Alstom