Wir haben mit Barbara Laa, Verkehrswissenschaftlerin an der TU Wien und Sprecherin der Initiative Platz für Wien, über den Mobilitätsmix in der Stadt sowie eine gerechte Platzverteilung in urbanen Räumen gesprochen.

Liebe Frau Laa, Sie sind Forscherin am Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien und Sprecherin der Initiative „Platz für Wien.“ Dort fordern Sie, speziell für den Stadtverkehr, „einschneidende Maßnahmen.“ Was meinen Sie damit? Wie soll sich, Ihrer Meinung nach, der Straßenverkehr verändern?

Es gibt klare Ziele der Stadt Wien, nicht zuletzt für den Klimaschutz, den Autoverkehr zu senken und den Umweltverbund, also Fuß, Rad und Öffis zu stärken. In der Praxis wird derzeit jedoch immer noch der Autoverkehr bevorzugt. Zwei Drittel des Straßenraums stehen dem Autoverkehr zur Verfügung, obwohl nur etwa ein Drittel der Einwohner*innen ein Auto besitzt. Die Flächen müssen also umverteilt werden und können so besser genutzt werden. Zum Beispiel für verkehrsberuhigte Wohngebiete, Fußgängerzonen, sichere Radwege und Bäume. Dafür fordern wir 18 konkrete Maßnahmen und ausreichend Budget und Personal zur Umsetzung dieser. Wir brauchen einen großen verkehrspolitischen Wurf um eine klimagerechte, kindergerechte und flächengerechte Stadt zu werden.

Warum sind Ihnen diese Forderungen so wichtig? Geht es da ausschließlich um den Klimaschutz? Welche Aspekte verfolgen Sie noch?

Klimaschutz ist ein sehr wichtiger Aspekt und zeigt vor allem die Dringlichkeit der Forderungen auf. Die Treibhausgase aus dem Verkehrsbereich zählen zu den größten Umweltbelastungen in Wien. Das ist aber nur ein Aspekt. Weitere Aspekte, die wir mit unseren Forderungen adressieren sind Sicherheit, Lebensqualität, selbstbestimme Mobilität und Klimawandelanpassung. Wir möchten, dass alle Menschen, auch Kinder und ältere Personen sicher und selbstständig in Wien unterwegs sein können. Das ist oft nicht möglich bei engen Gehsteigen, fehlenden sicheren Querungsmöglichkeiten, fehlenden Sitzgelegenheiten oder bei als nicht sicher empfundener Radinfrastruktur. Zur Anpassung an den Klimawandel brauchen wir vor allem mehr Bäume und Begrünung und weniger Autos, die die Stadt zusätzlich aufheizen.

Die Kritik von „Platz für Wien“ an der bisherigen Verkehrspolitik meint ja unter Anderem, dass sich im Vergleich zu anderen Städten zu wenig und vor allem zu langsam verändert. Dennoch ist eine autofreie Innenstadt in Planung, Pop-Up Radwege wurden installiert und am Gürtel wurde eine ganze Kreuzung für einen Pool gesperrt. Sind Ihre Forderungen vielleicht einfach zu hoch angesetzt?

Es ist gar nicht notwendig den Vergleich mit anderen Städten zu suchen, Wien erreicht schon seine selbst gesteckten Ziele in der Verkehrsplanung nicht. Es gibt sehr gute Konzepte und Strategiepapiere wie beispielsweise das Fachkonzept Mobilität, das im Gemeinderat beschlossen wurde, jedoch nicht ausreichend umgesetzt wird. Kurzfristige Pop-Up Projekte wie die Radwege und der Pool eignen sich gut, um den öffentlichen Diskurs über die Flächenverteilung anzuregen. Sie reichen aber bei weitem nicht aus, um die Stadt klima- und menschengerecht zu gestalten. Um einen Pfad für so eine Umgestaltung zu zeichnen haben wir unsere Forderungen als 10-Jahres-Plan ausgearbeitet, dieser ist ambitioniert im Vergleich zur Vergangenheit, aber durchaus machbar.

Jetzt kann man Radwege ausbauen, das Öffi-Netz verbessern und Auflagen für Autofahrer verschärfen. Dennoch wird es doch immer Menschen geben, die mit ihrem Auto zum Arbeitsplatz müssen, Einkäufe erledigen oder ihre Großmutter zum Arzt bringen müssen. Wie kann denn nun ein ideales Miteinander der verschiedenen Verkehrsmodi innerstädtisch gelingen?

Auch für diese Menschen wird die Situation verbessert. Jeder und jede von uns ist Fußgänger*innen und Bewohner*innen der Stadt, die weniger Lärm, Schutz vor Hitze und bessere Luft genießen könnten. Je mehr Menschen zum Umstieg auf ein anderes Verkehrsmittel bewegt werden können, desto mehr profitieren auch jene, die wirklich auf das Auto angewiesen sind. Fuß, Rad und Öffis sind effizientere Verkehrsmittel und sollten daher auch mehr Raum zur Verfügung gestellt bekommen. Durch Trennung von Fuß- und Radverkehr kann man außerdem Konflikte zwischen den beiden Verkehrsmitteln entschärfen.

Barbara Laa

In den vergangenen Jahren drängten immer mehr private Anbieter sogenannter innovativer Mobilitätskonzepte wie Scooter- oder Bikesharing auf den Markt. Kann der private Sektor mit derartigen Konzepten zu einer Verkehrsverlagerung und „mehr Platz“ beitragen?

Derzeitige Studien legen leider nahe, dass E-Scooter in Europa (und in Wien) vorwiegend genutzt werden um Wege zurückzulegen, die sonst zu Fuß oder mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt worden wären. Das bedeutet einerseits, dass umweltfreundlichere Verkehrsmittel dadurch ersetzt werden – was sehr kritisch zu sehen ist. Und andererseits sind dies zusätzliche Nutzer*innen von Radinfrastruktur. Das könnte vielleicht dazu beitragen, dass erkannt wird, dass viele Radwege nicht für die heutigen Kapazitäten ausgelegt sind.

Anschlussfrage: Wer soll das Mobilitätsangebot in der Stadt denn vorrangig steuern? Die öffentliche Hand oder der private Sektor? Oder die NutzerInnen, welche sich für aktive oder öffentliche Mobilität entscheiden?

Der öffentliche Raum und Mobilitätsangebote sind Teil der Daseinsvorsorge, die man nicht rein dem privaten Sektor überlassen sollte.

 

Platz für Wien” ist eine ehrenamtliche zivilgesellschaftliche Initiative, die sich für eine Umverteilung der Flächen im öffentlichen Raum einsetzt. Engagierte Bürger*innen, NGOs und Expert*innen der TU Wien und BOKU Wien haben sich zusammengeschlossen und 18 konkrete Forderungen als 10-Jahresplan erarbeitet. Um zu zeigen, dass viele Wiener*innen solche Maßnahmen unterstützen, werden bis zur Wahl Unterschriften gesammelt und mit Aktionen auf das Thema aufmerksam gemacht. Über 40.000 Personen haben bereits unterschrieben und die Initiative hat den VCÖ-Mobilitätspreis Wien gewonnen. Die 18 Forderungen mit detaillierten Informationen findet man auf der Website. Dort kann man die Forderungen auch gleich online unterzeichnen: https://platzfuer.wien/forderungen/

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