Weg von den fossilen Energien und raus aus der Atomenergie lautet das Ziel. Doch der Umstieg von fossilen Energieträgern auf 100 % nachhaltige Energieversorgung ist nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr zeitaufwendig. Über den Wettlauf mit der Zeit und die Überlegung, ob wir nicht mit dem arbeiten sollten, was wir bereits haben. Schlägt die Stunde der Atomenergie?

Der  jüngste Bericht des Weltklimarats (IPCC) hat gezeigt, dass die globalen Treibhausgasemissionen drastisch sinken müssen, wenn man die Erderwärmung auf unter 2 Grad drosseln möchte. Möchte man den Ausstieg aus der Atomenergie weiter forcieren und diese Enegieträger durch fossile Energien ersetzen, rechnet die österreichische Energieagentur mit 2 Millionen Gigatonnen mehr CO2-Ausstoß im Jahr. Eigentlich wäre ja das Ziel, die gesamte Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen. Jedoch ist das Problem bei Wind- und Sonnenenergie, dass diese nicht grundlastfähig ist aufgrund ihrer Wetterabhängigkeit. In diesem Zusammenhang bedeutet Abhängigkeit auch immer Unsicherheit, da der Energiebezug keine Regelmäßigkeit aufweist.

Vergangene Atomreaktorunglücke sind auf menschliches Versagen zurückzuführen

Der allgemeine Grundton gegenüber dem Ausstieg bei der Atomenergie war überwiegend positiv, viele EU-Staaten stellten die Gefahr der Atomkraftwerke in den Vordergrund und nahmen als Grund für den Ausstieg den Schutz der Gesellschaft. Betrachtet man aber die Fakten, so sind die Atomreaktorunglücke der Geschichte, wie bei Tschernobyl und Fukushima überwiegend auf menschliches Versagen zurückzuführen.Die Folgen für die Natur und Menschen sind bei einem Atomunfall verheerend, doch hat sich die Technik in der jüngsten Geschichte auch drastisch weiterentwickelt.

Uns läuft in puncto Klimakrise die Zeit davon

Warum also nicht neben erneuerbaren Energien auf Atomenergie setzen? Diese Kraftwerke besitzen wir bereits und könnten innerhalb kürzester Zeit eine große Energiemenge erzeugen ohne vom Wetter abhängig zu sein. Sie könnten rund um die Uhr laufen und so für Energiesicherheit sorgen. Der Zeitfaktor spielt eine große Rolle, denn fangen wir jetzt an die erneuerbaren Energiequellen auszubauen, so ist es für die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu spät – irreversibel nennt man diesen Vorgang in der Wissenschaft.

Der letzte seiner Art. Der TRIGA Mark II Reaktor ist am Atominstitut der Technischen Universität Wien in der Nähe des Wiener Praters angesiedelt. © Krone Zeitung

Gewessler weist in Debatte auf Wasserkraft Österreichs hin

Zwei Seiten sollte man aus diesem Grund beleuchten, denn auch wenn die Argumente für die Atomenergie logisch erscheinen, weisen viele Gegner:innen der Atomkraft auf das Sicherheitsrisiko und finanziellen Herausforderungen dieser Energieversorgung hin. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) beispielsweise ist strikt gegen Atomenergie als Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Nicht nur deshalb, weil Österreich reich an Wasserkraft ist, einer grundlastfähigen erneuerbaren Energiequelle. „Atomkraft ist eine veraltete Technologie mit enormen Risiken“, warnt sie mit Verweis auf Tschernobyl. Die Reaktorkatastrophe liegt inzwischen 35 Jahre zurück, in oberösterreichischen Schwammerln etwa schlägt sie sich immer noch in erhöhten Cäsium-Werten nieder. Außerdem, so Gewessler, habe kein einziges Land eine sichere Lösung für seine Atomendlager. Im Ministerium erwägt man sogar eine Klage, seit die EU Atomenergie als grüne Energie einstufte. Auch etwa Spanien, Deutschland und Luxemburg lehnen Atomkraft strikt ab.

Kosten für den Bau von AKWs sehr hoch

So ist die Atomenergie zwar unabhängig, aber teuer. Schlägt man den Weg der Atomenergie ein und versucht die Nutzung der fossilen Energieerzeugung gänzlich aus dem Repertoire zu streichen, müssten neue AKWs errichtet werden. So äußert die Klimschutzministerin Zweifel an der Wirtschaftlichkeit von Atommeilern, denn diese neu zu erbauen sei langwierig und teuer. Schon allein deshalb sei es besser, in erneuerbare Energie zu investieren. „Wir sehen in ganz Europa, dass sich bei in Bau befindlichen AKWs wie zum Beispiel Olkiluoto (Finnland) und Flamanville (Frankreich) sowohl die Bauzeit als auch die Kosten zum Teil verdreifachen“, sagt Gewessler: Man verbaue Geld, das man effizienter, sicherer und klimafreundlicher investieren könnte.

Höhere Temperaturen sind ein Sicherheitsrisiko für AKWs

Der World Nuclear Report weist außerdem darauf hin, dass Kernkraft nicht frei von Klimarisiken ist. Je höher etwa die Außentemperaturen, desto weniger effizient kann ein Atomkraftwerk demnach arbeiten. Dürren können die Kühlwasserversorgung knapp werden lassen. Man solle grundsätzlich lieber auf Erneuerbare als auf Kernkraft setzen, heißt es. Neue Reaktoren müssen jedenfalls gegen zunehmende Klimarisiken gewappnet sein, fordern die Autoren des Berichts.

Innovation im Atomsektor

Innovation ist also gefragt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass im Atomsektor Technologiesprünge gelingen, die sowohl Kosten als auch Risiken senken. China testet in Wuwei etwa einen Reaktor, der statt festen Brennstäben ein flüssiges Salz und statt Uran das weit häufigere Thorium verwendet. Außerdem stecken in Atommüll große Mengen an nicht genutzter Energie, zahlreiche Unternehmen suchen derzeit nach Lösungen, um sie zu nutzen. Im Süden Frankreichs gibt es ein Kernkraftprojekt, das keinen Abfall erzeugt – weil es auf Kernfusion setzt. Auch in der Schweiz versucht man eine Lösung für grüne Atomenergie zu finden. Die im Raum Genf angesiedelte Firma Transmutex entwickelt einen neuen Typ von Kernreaktor. Dieser basiert auch auf der Verwendung von Thorium statt Uran. Das Kraftwerk kann Strom mit einer höheren Sicherheit erzeugen als bestehende Kernkraftwerke und zudem hochradioaktive Abfälle vermeiden. Könnte diese Innovation den Übergang zu einer emissionsfreien Gesellschaft begünstigen?

„Mini-AKWs“ als neue Hoffnungsträger der Atomindustrie

Die größte Hoffnung der Kernkraftbefürworter liegt in den sogenannten Small Modular Reactors (SMRs). Das sind kleine, vorgefertigte Kraftwerke, die je nach Bedarf in Reihen aufgestellt oder auf Schiffen betrieben werden. Mit weniger spaltbarem Material sind sie auch sicherer als herkömmliche AKWs. Weltweit laufen derzeit Dutzende Projekte zur Entwicklung von SMRs. Diese „Mini-AKWs“ sind die neuen Hoffnungsträger von Atomindustrie und -staaten, entsprechend werden sie als flexibler, billiger und sicherer vermarktet als konventionelle Großreaktoren. In den Hintergrund tritt dabei, dass die Grundproblematik der Atomkraft genauso vorhanden ist. Der Name täusche darüber hinweg, dass es ein Kraftwerk bleibe, von dem dieselben Sicherheitsrisiken ausgingen. Zwar würde im Fall eines Unfalls oder einer Kernschmelze – ob der geringeren Größe der SMRs – weniger nukleares Material freigesetzt. Um aber die Leistung eines großen Kraftwerks zu ersetzen, brauchte es eine Vielzahl an SMR-Anlagen, was wiederum die Gefahren potenzieren würde. SMR haben aber den Vorteil, in Serie gebaut werden zu können, was im Regelfall eine kürzere Bauzeit und geringere Kosten mit sich bringen sollte. Die Anlagen könnten in der Fabrik vormontiert und anschließend an den Standort transportiert werden. Fachleute schätzen, dass eine Anlage mit 300 MW für rund eine Milliarde Euro möglich sein wird.

Wunsch nach einer sachlicheren Debatte über Kernkraft

Egal wie man zur Kernkraft steht und welche Innovationen gelingen: Laut Weltklimarat sind die Klimaziele nicht ganz ohne Atomenergie zu erreichen. Peter Windischhofer, Gründer des Kreislaufwirtschaft-Start-ups Refurbed, wünscht sich deshalb auch in Österreich eine sachlichere Debatte über Kernkraft, wie er häufig auf Plattformen wie Linkedin betont. Der Ausbau von Erneuerbaren habe Priorität. Objektiv betrachtet sei Atomstrom aber die klimafreundlichste Option, Strom zu erzeugen, und sehr sicher. Die Risiken im Zusammenhang mit Kernenergie will Windischhofer nicht leugnen: „Das Risiko des Klimawandels ist jedoch wesentlich realer und größer, und wir müssen alle technischen Möglichkeiten nutzen, um die bevorstehende Klimakatastrophe zu verhindern.“

Verhaltensänderungen der Gesellschaft notwendig

Bei der Internationalen Energieagentur glaubt man nicht, dass die Netto-Null bei den Emissionen bis 2050 ohne grundlegende Verhaltensänderungen erreicht werden kann. Das gelte vor allem für den Transport und für das Wohnen, heißt es in einem aktuellen Bericht vor der Klimakonferenz in Glasgow (COP26). Es reiche nicht, wenn Konsumenten beim Einkauf auf grüne Technologie setzen, es müsse auch eine Veränderung beim Einsatz von Energie geben. Die wichtigste Maßnahme sei das Aus für Privatautos mit Verbrennungsmotor in Städten, Carsharing und ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen. Flugreisen müssten zumindest auf dem Niveau von 2019 eingefroren, überall wo es möglich ist vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen werden. Gebäude sollten im Sommer nicht unter 24 Grad gekühlt werden. Im Winter sollten die Heizung nur auf 19 bis 20 Grad aufgedreht werden. Das alleine würde die Emissionen um 200 Millionen Tonnen reduzieren.

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