Wie ernst ist die momentane Lage in Österreich in Bezug auf die Gasversorgung? Die Expert:innen der ENERGIEALLIANZ klären auf

Nach der Lageeinschätzung der Regierung am 5. Juli, bleibt Österreich vorerst weiter in der Frühwarnstufe – Stufe 1 des dreistufigen Gas-Notfallplans. Mit der angekündigten Wartung der Pipeline Nord Stream 1 von 11. Juli bis 21. Juli steht jedoch das nächste kritische Ereignis für die Ausrufung der Alarmstufe – Stufe zwei des dreistufigen Gas-Notfallplans – in Österreich unmittelbar bevor.

Die Expert:innen der ENERGIEALLIANZ Austria beobachten aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine die Energiemärkte sehr genau. Der Konflikt trägt dazu bei, dass sich die seit mehr als einem Jahr steigenden Energiepreise auch weiterhin sehr turbulent entwickeln. Für viele Unternehmen geht dies mit einer hohen Unsicherheit und zunehmenden finanziellen Belastungen einher. Die am häufigsten gestellten Fragen beantworten die Expert:innen im Folgenden:

1) Ist die Gasversorgung derzeit gesichert?

Grundsätzlich ja. Der russische Energiekonzern Gazprom hat allerdings seit April den Gasfluss nach Europa auf zahlreichen Kanälen nach Europa stark gedrosselt. Trotz des Lieferstopps in vielen europäischen Ländern und der Lieferreduktion für Deutschland sind Erdgaslieferungen für Österreich (v.a. über Baumgarten) nach Reduktionen bis dato wieder stabil. Nach der Lageeinschätzung der Regierung am 5. Juli, bleibt Österreich vorerst weiter in der Frühwarnstufe – Stufe 1 des dreistufigen Gas-Notfallplans. Großverbrauchern wird jedoch angeordnet, soweit wie möglich auf alternative Energieträger – vor allem Erdöl – umzurüsten. Außerdem appelliert die Regierung an die Bevölkerung, sich auf die kommende Heizsaison vorzubereiten und beim Einsparen von Strom und Gas mitzuhelfen. Eine entsprechende Verordnung zur Energielenkung werde in Begutachtung geschickt, so die Ministerin. Mit der angekündigten Wartung der Pipeline Nord Stream 1 von 11. Juli bis 21. Juli steht jedoch das nächste kritische Ereignis für die Ausrufung der Alarmstufe – Stufe zwei des dreistufigen Gas-Notfallplans – in Österreich unmittelbar bevor. Da befürchtet wird, das Gazprom die Pipeline nach den Wartungsarbeiten nicht mehr befüllen wird.

2) Wird überhaupt noch Gas aus Russland nach Europa geliefert?

In Summe kommt deutlich weniger Gas nach Europa – weniger als die Hälfte der Liefermengen, die sonst zu dieser Jahreszeit von Russland nach Europa geliefert werden.

Zwar stehen die mehr als halbierten Lieferungen Russlands über die Gaspipeline Nord Stream nach Deutschland und Lieferkürzung nach Italien im Fokus der Aufmerksamkeit. Daneben hat Russland aber auch auf zahlreichen anderen Kanälen den Gasfluss nach Europa gedrosselt. Seit Ende April wird über die Jamal-Pipeline, die über Polen nach Brandenburg führt, kein Gas mehr geliefert. Die über die Türkei nach Südosteuropa führende Pipeline Turkstream ist seit Ende Juni wegen Wartungsarbeiten ganz gesperrt. Branchenexperten hoffen, dass der Betrieb danach wieder aufgenommen wird. Aber eine Unsicherheit bleibt, obwohl damit Länder versorgt werden, die Russland freundlich gesinnt sind, wie die Türkei, Serbien und Ungarn. Darüber hinaus wird befürchtet, dass Russland die routinemäßigen Wartungsarbeiten an der Nord Stream Pipeline ab 11. Juli zum Anlass nehmen könnte, die bereits stark reduzierten Gaslieferungen durch Nord Stream 1 vollständig zu stoppen.

Es sei eine „ernste und sehr angespannte Lage“, sagte Carola Millgramm, Leiterin der Gas-Abteilung beim Energieregulator E-Control am 24. Juni.

3) Können die russischen Gaslieferungen kurzfristig ersetzt werden?

EU-Gasimporte in Milliarden Kubikmeter pro Monat

Energie- und Wirtschaftsexperten halten es kurzfristig nicht für möglich, die russischen Lieferungen von jährlich zwischen 150 und 190 Milliarden Kubikmetern vollständig zu ersetzen. Derzeit liefert Russland rund 60 Prozent weniger Gas als vor einem Jahr. In ihrer aktuellen Prognose geht die IEA davon aus, dass die russischen Gaslieferungen heuer auf 25 Prozent des EU-Verbrauchs fallen werden. Bis 2025 geht die IEA von einem Rückgang der russischen Gaslieferungen um 55 Prozent im Vergleich zu 2021 und einem Rückgang von russischem Gas auf 20 Prozent des EU-Bedarfs aus. Bis 2027 könnte damit der Ausstieg aus russischem Gas gelingen – aber vor allem wenn Russland die Gaslieferungen vollständig drosselt könnte das auch viel schneller geschehen.

4) Was plant die EU, um die Gasversorgung aufrecht zu erhalten?

Die EU-Energieminister haben sich am 27. Juni auf eine Vorgabe zum Auffüllen der Gasspeicher in den EU-Ländern von mindestens 80 Prozent bis zum kommenden Winter geeinigt. Mit der Vorgabe soll sichergestellt werden, dass die Gasspeicherkapazitäten genutzt und solidarisch zwischen den Mitgliedstaaten aufgeteilt werden. Laut der Verordnung sollen die nationalen Gasspeicher der EU-Länder bis 1. November zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein, in den folgenden Wintern zu 90 Prozent.

5) Sind die Gasspeicher ausreichend befüllt?

Die österreichischen Gasspeicher sind derzeit per 2. Juli zu 46 Prozent gefüllt. Das ist ein im Vergleich zu den letzten Jahren guter Füllstand. Österreich möchte seine Speicher bereits bis zum 1. Oktober zu 80 Prozent auffüllen. Um dieses Ziel bis zum 1. Oktober zu erreichen, müssen täglich rund 360 GWh eingespeichert werden. Die aktuellen Füllstände der Speicher in Österreich und Europa finden Sie hier: Historical – AGSI+ (gie.eu)

6) Wie lange reichen die Gasreserven bei einem Totalausfall in Österreich?

Für Europa würde ein Totalausfall der Erdgaslieferungen aus Russland bedeuten, dass vorerst auf die Reserven, die vorerst zumindest für 30 Tage berechnet sind, zurückgegriffen wird. Derzeit sind in Österreich 44 Terawattstunden (TWh) an Gas eingespeichert. Dies entspricht einem Füllstand von rund 46 Prozent und die Speicher füllen sich seit Anfang April wieder. Auch mit unseren eigenen Großhandelsaktivitäten sind die mit unseren Kunden derzeit kontrahierten Bezugsmengen vertraglich gesichert.

7) Was wären bei einem Gas-Versorgungsengpass die nächsten Schritte?

Im Fall einer unmittelbar drohenden Unterbrechung der Gasversorgung oder einem Versorgungsengpass in Österreich wird das Klimaschutzministerium per Verordnung „Energielenkungsmaßnahmen“ anordnen. Dann wäre es dem Ministerium möglich, eine Verbrauchsreduktion bei industriellen Verbrauchern anzuordnen. Solche Maßnahmen könnte das Klimaschutzministerium nach Anhörung des dort angesiedelten Energielenkungsbeirates sowie teils unter vorheriger Einbindung des Hauptausschusses des Nationalrats per Verordnung beschließen.

Am 5. Juli kündigte die Ministerin für Klimaschutz an, dass Großverbrauchern angeordnet wird, soweit wie möglich auf alternative Energieträger – vor allem Erdöl – umzurüsten. Außerdem appelliert die Regierung an die Bevölkerung, sich auf die kommende Heizsaison vorzubereiten und beim Einsparen von Strom und Gas mitzuhelfen. Eine entsprechende Verordnung zur Energielenkung werde in Begutachtung geschickt, so die Ministerin.

8) Warum wurde die Frühwarnstufe ausgerufen?

In Österreich gibt es, wie in anderen Ländern, die grundsätzliche Möglichkeit, in den Markt für die Gasversorgung einzugreifen, wenn es zu Versorgungsproblemen kommt. Dafür besteht ein dreistufiger „Notfallplan Gasversorgung“.

Österreich hat am 30. März die Frühwarnstufe im Notfallplan für die Gasversorgung ausgerufen. Grund dafür war die Ankündigung Russlands, dass Gaslieferungen künftig nur noch in Rubel bezahlt werden sollen. Damit wurde das Überwachungs- und Monitoring-System noch weiter verschärft. Energielenkungsmaßnahmen wie Rationierungen sind erst ab Stufe 3 vorgesehen.

9) Sind mittelfristig Versorgungsengpässe zu erwarten?

EU-Gasimporte in Milliarden Kubikmeter pro Monat

Die generelle Versorgungslage hängt nach wie vor stark davon ab, ob Russland seinen vertraglich vereinbarten Lieferverpflichtungen nachkommen wird oder für weitere Länder die Gaslieferung einstellt. Sofern Gas aus russischen Quellen geliefert wird, ist die Versorgung gesichert. Sollte Russland seine Lieferungen vertragswidrig weiter drosseln, müssen diese Mengen durch zusätzliche Lieferungen etwa mit Flüssigerdgas (LNG) aus anderen Ländern kompensiert werden. Im Juni importierte die EU erstmals mehr Gas aus den USA als aus Russland. Die Exporte von Flüssiggas aus den USA nach Europa haben sich fast verdreifacht. Seit März sind die weltweiten LNG-Exporte nach Europa im Vergleich zu 2021 um 75 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung wird die Beschaffungspreise voraussichtlich weiter in die Höhe treiben. Als äußerstes Mittel könnte es bei massiven Engpasssituationen zu Energielenkungsmaßnahmen wie etwa Rationierungen kommen.

10) Was geschieht in der nächsten Heizperiode – also im Winter 2022/23?

Es geht der österreichischen und europäischen Politik nun darum, wie für die kommende Heizperiode im Winter 2022/23 Gaslieferungen für Österreich generell sichergestellt werden können. Die Österreichische Bundesregierung hat am 27. April bis zu 6,6 Mrd. Euro freigegeben, um die heimischen Gasspeicher vor dem Winter zu mindestens 80 Prozent füllen zu können. Darin sind 1,6 Mrd. Euro fix für Gaskäufe budgetiert und darüber hinaus können im Bedarfsfall maximal weitere 5 Milliarden Euro für diese Zwecke herangezogen werden. Derzeit sind 44 Terawattstunden (TWh) an Gas eingespeichert. Dies entspricht einem Füllstand von rund 46 Prozent.

11) Bis wann können russische Gaslieferungen vollständig ersetzt werden?

Österreich könnte ab 2027 ohne russisches Gas auskommen. Dazu müssten aber der Gasverbrauch bis dahin um ein Viertel reduziert, alternative Importe vorübergehend verdreifacht und die Produktion von Biogas und grünem Wasserstoff massiv ausgebaut werden, zeigt eine Studie der Energieagentur im Auftrag des Umweltministeriums. Die Eigenproduktion von Erdgas müsste unverändert bleiben. Bis 2030 geht die Energieagentur sogar von einem Rückgang des Gasverbrauchs um ein Drittel aus. Energieexperten bezweifeln allerdings die Umsetzbarkeit zur Reduktion des Gasverbrauchs in diesem Ausmaß. Bis 2027 könnte demnach der Ausstieg aus russischem Gas gelingen – aber vor allem wenn Russland die Gaslieferungen vollständig drosselt, könnte das auch viel schneller geschehen.

Quelle: Österreichische Energieagentur – Austrian Energy Agency

12) Woher – aus welchen Ländern – bezieht die ENERGIEALLIANZ Austria ihr Gas?

EnergieAllianz Austria ist kein Importeur von „physischem“ Gas. Das heißt wir kaufen Gas nicht aus Russland, sondern wir beschaffen die Mengen an europäischen Börsen. Im Detail: Erdgas kaufen wir im Marktgebiet Ost – also in Ostösterreich – am virtuellen Handelspunkt des Central European Gas Hub AG (CEGH) mit Sitz in Wien, also direkt am Großhandelsmarkt ein. Das vorgegebene Marktsystem legt virtuelle Handelspunkte fest, um eine Trennung von Produkt und Transport vom Preis sicherzustellen. Das bedeutet, dass das vom Gesetzgeber vorgegebene Marktsystem keine Vorlieferanten festlegt und am Großhandelsmarkt alle Lieferanten anonym sind. Da wir uns von diesem Gasmarktsystem nicht abkoppeln können, ist systembedingt eine individuelle Gasvorsorge für Kunden nicht möglich.

13) Warum sind die Energiepreise in letzter Zeit so stark gestiegen?

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges sind die Energiepreise generell stark gestiegen.

Global betrachtet, kam es bereits vor der Ukraine-Krise zudem durch die Wirtschaftserholung nach dem Corona-bedingten Lockdown zu einem Anziehen der Gasnachfrage. In Europa und Deutschland waren nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 die Füllstände der Gasspeicher gering. Verstärkt wurde dieser Effekt durch eine niedrige Einspeicherung in einigen deutschen und österreichischen Gasspeichern, die von russischen Staatskonzernen kontrolliert werden. Dazu kam ein geringer Gasfluss von Russland nach Europa. Der Kriegsausbruch ließ die Beschaffungspreise für Gas und Kohle aufgrund von Szenarien möglicher Lieferkürzungen Russlands oder einem Embargo seitens der EU weiter stark steigen. Die Befürchtungen, dass Russland die routinemäßigen Wartungsarbeiten an der Nord Stream Pipeline ab 11. Juli zum Anlass nehmen könnte, alle Gaslieferungen durch Nord Stream 1 zu stoppen, befeuert die Gaspreise weiter. Im Mai kostete eine Megawattstunde Erdgas an der Handelsplattform CEGH unter 100 Euro, teils auch weniger als 80 Euro. Am Montag 4.7. waren es über 168 Euro: https://www.cegh.at/

14) Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Konflikt für Kunden aus heutiger Sicht?

Der Krieg verteuert die Bezugskosten am Großhandelsmarkt. In welcher Höhe genau sich diese Einflüsse auf die Bezugskosten der Kunden auswirken werden, hängt von mehreren Faktoren ab. Unter anderem von unseren vertraglichen Regelungen und von dem Ausmaß der Verteuerung. Ein weiterer maßgeblicher Faktor ist die von Ihnen gewählte Beschaffungsform. Unabhängig von äußeren Einflüssen halten wir deshalb an unserer strukturierten, langfristig im Voraus agierenden und nachhaltigen Beschaffungsstrategie fest.

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